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Die Zwangsarbeiterkartei Geschichte(n) ausgewählter Exponate

Als die Vereinsmitglieder Reiner und Gudrun Janick wieder einmal Hinweisen von Zeitzeugen aus der NS-Zeit auf einen Bunker an der Tempelhofer Kollwitzstraße nachgingen, machten sie einen wichtigen Fund, den sie am 31. August 2000 im Gesundbrunnen-Bunker der internationalen Presse vorstellten: Unter einer dicken Staubschicht lagerten in dem ehemaligen Bunker der Lorenz-AG vier verrostete Stahlschränke mit einer kompletten Personaldatei. Darunter die Namen von mehr als 3.000 ehemaligen Zwangsarbeitern, die das Unternehmen beschäftigte. Der Verein barg die herrenlose Kartei und übernahm die Auswertung.

Fein säuberlich führte die Leitung der Tempelhofer C. Lorenz AG im „Dritten Reich“ die Personalliste: Die Daten jedes Mitarbeiters – Name, Nationalität, Geburtsdatum, Datum der Arbeitsaufnahme- wurden auf visitenkartengroße Metallkarten gestanzt. Luis van der Poort stand zum Beispiel auf einer, Niederländer, 1930 geboren. 1944, also im Alter von nur 14 Jahren, arbeitete er für die C. Lorenz AG.

Unter den 3108 namentlich erfassten Zwangsarbeitern befanden sich 1081 Belgier, 629 Franzosen, 528 Bürger der Sowjetunion, 220 Polen, 216 Italiener, aber auch einige Schweizer, Türken und Spanier. Die Liste ist nicht vollständig, da viele der Matrizen mehrmals überschrieben wurden. So waren viele Namen unlesbar. Das Metall-Archiv hat der Verein im September 2000 dem Landesarchiv Berlin übergeben. Dies geschah vor allem aus datenschutzrechtlichen Gründen, aber auch, damit den Zwangsarbeiter-Verbänden der betroffenen Staaten die Daten zugeführt werden konnten. Schließlich drängte die Zeit, da ehemalige Zwangsarbeiter in den sieben Folgemonaten noch die Gelegenheit hatten, bei der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ihren Antrag auf Entschädigung zu stellen. Nach Schätzungen wurden alleine in Berlin über 500 000 Zwangsarbeiter beschäftigt.

Nach bisherigem Kenntnisstand wurden 5 Franzosen, 15 Belgier, 3 Polen und 27 Ukrainer namentlich ermittelt, von denen mehrere durch den Fund ihren Nachweis erbringen und so ihren Anspruch auf Entschädigung geltend machen konnten.

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Die Funktion des Kartei-Systems „Adrema“

Der Hauptgedanke des Systems „ADREMA“ beruht auf der Zentralisation aller wiederkehrenden Schreibarbeiten und auf der Führung eines zentralen Registers. Allerdings arbeitet das System nicht mit Karten auf Papier sondern mit Metallplatten, in die Anschriften und andere kurze Texte eingeprägt sind und die in laufender Folge zum Abdruck benutzt werden.

Die „ADREMA“-Platten werden in Schubfächern, sogenannten Metall-Laden gesammelt und darin je nach den organisatorischen Gesichtspunkten geordnet, also alphabetisch, regional, numerisch oder nach Gruppen. Die Laden nehmen 200–250 solcher Platten auf und werden in verschließbaren Archiv-Schränken gelagert.

Der Arbeitsablauf ist vollkommen mechanisch und kann schnell und zuverlässig von einer einfachen Hilfskraft bewältigt werden. Der erzielte Abdruck entspricht der Schreibmaschinenschrift, denn auch „ADREMA“ arbeitet mit Metall-Buchstaben und Farbband wie die Schreibmaschine. Die Prägung der Texte erfolgt auf der Prägemaschine. Die Prägungsvorlagen konnten die Betriebe selbst herstellen oder bei größeren Mengen direkt bei der Firma „ADREMA“ in Auftrag geben. Für diesen Zweck unterhielt „ADREMA“ in Berlin und in der ganzen Welt Geschäftsstellen mit Prägestellen, die für jede Arbeitsleistung gerüstet waren. Allein in der Berliner Prägerei-Zentrale konnten täglich 50.000 solcher Platten geprägt werden.

Die Metallplatten konnten am oberen Rand mit bis zu 12 verschieden farbigen aufsteckbaren Reitern (Farben, Zahlen, Buchstaben) versehen werden, um beim Druckvorgang vorherzubestimmen, was auf dem Ausdruck stehen soll. Der gesamte Inhalt einer Lade wurde in den Aufnahmeschacht gefüllt und die dadurch freiwerdende Originallade in den links unter dem Tisch befindlichen Abnahmeschacht gestellt. Nach Inbetriebsetzung der Maschine liefen die Platten automatisch auf der Plattenbahn an die Druckstelle unter das Farbband, wo sie einen Augenblick stehen bleiben. Der Druckarm ging in diesem Moment nieder und brachte auf dem Formular den gewünschten Abdruck hervor. Danach wurde die Platte automatisch in die Originallade transportiert und dort in der ursprünglichen Reihenfolge wieder gesammelt.

Autor: Gudrun Neumann und Dietmar ArnoldStand: 29.10.07 Seitenanfang