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Wühlen im märkischen Sand für die Freiheit Verein Berliner Unterwelten bietet spannende Führungen durch die Geschichte der Fluchttunnels unter der Mauer

Mindener Tageblatt

Berlin (mt). Nicht nur über Mauer und Stacheldraht flohen die Menschen aus der DDR in den Westen. Einige wühlten sich auch durch den sandigen Untergrund. Aber den ersten Tunnel unter der Sektorengrenze bauten die Amerikaner – einen Spionagetunnel von West nach Ost.

Diese Überraschung präsentiert Heike Miersch gleich zu Beginn der Tour M, der Fluchttunnelführung des Vereins Berliner Unterwelten. Doch Thema dieser am ehemaligen U-Bahnhof Gesundbrunnen startenden unterirdischen Museumsführung sind natürlich die Tiefen-Fluchten von Ostberlinern und DDR-Bürgern nach dem Mauerbau vor 50 Jahren. 254 Menschen haben so dem Arbeiter- und Bauernstaat den Rücken gekehrt. 39 Tunnels sind, so weit man weiß, zwischen 1961 und 1973 auf den 45 Kilometern innerberliner Grenze gegraben worden, neun von Ost nach West, häufiger von West nach Ost.

Maulwurfsarbeit ist mit gelungenen Fluchten belohnt worden, macht eine Karte im Unterwelten-Museum deutlich, das der Verein im Weltkriegsbunker B am Gesundbrunnen betreibt. Manche Wühlarbeit wurde verraten, mindestens 200 Menschen wurden verhaftet, vier Tote hat es gegeben.

Die ausgestellten Dokumente und Stücke allein sind beeindruckend. In den niedrigen Betonbunkerräumen wirken sie noch eindringlicher, legen Zeugnis davon ab, wie groß die Verzweiflung und der Freiheitsdrang gewesen sein müssen, um auf diesen lebensgefährlichen Kriechgängen alles, aber auch wirklich alles, Familien, Freunde, Eigentum zu verlassen. Dabei von Beginn an von Entdeckung und Verrat bedroht.

Mut und Verzweiflung überwinden Angst und Ekel

Da sind die „Stalinmatten“, die die DDR-Staatsmacht an die S- und U-Bahngleise legen ließ, wo diese durch den Ostteil der Stadt in den Westen führten. Zehn Zentimeter lange Stahlnägel „zieren“ das Fakirbett. Wer hier im unsteten Schein der Taschenlampe stolperte …

Ein Raum weiter ein großer Einlass, ein Abwasserkanal, mit Bahnschwellen verrammelt. Auch das konnte die Flüchtlinge nicht hindern. „Die mussten in die angestaute Kloakenbrühe tauchen“, schildert die Führerin und ihre Zuhörer spüren den Ekel, den die Verzweifelten überwinden mussten.

Aber es gibt auch die humorigen Geschichten aus der kurzen, aber reichen Fluchttunnelhistorie. Da sind die Vopos, die ihre Westberliner Kollegen vorsichtig fragen, wo denn ihre beiden Kameraden seien, die durch einen schmalen Schlitz den leeren Untergrundbahnhof unter Ostberlin beobachten sollten, durch den die Züge von Westberlin nach Westberlin nur durchfahren durften. Die beiden hatten aber das getan, woran sie andere hindern sollten. Da ist auch die Geschichte der molligen Frau, die mit Stöckelschuhen in den Fluchttunnel einsteigen wollte. Sie musste die Schuhe ausziehen, passte aber später nicht durch die Tunnelöffnung. Panik bei den Fluchthelfern, bis einer ihr die Schuhe aus den Taschen nahm und sie wie ein gelöster Pfropf nach unten fiel.

Und da ist die Mutter in einem grenznahen Haus im ländlichen Norden Berlins. Die immer dann das Licht im Keller (und damit auch im dort beginnenden Tunnel) ausmachte, wenn Vopos auf Grenzstreife vorbei kamen, denen sonst die Grabgeräusche aufgefallen wären. Hier verlor die DDR 28 Bürger, Nachbarn und Freunde und die Familie der „Bergleute“ an die Freiheit.

Viele solcher Geschichten haben die Tourleiter des Vereins Berliner Unterwelten. Historikerin Heike Miersch kann nicht nur sehr lebendig erzählen, sie hat auch eine Menge Detailkenntnisse durch ihre Interviews mit Fluchthelfern auf West- und Ostseite und mit denen, für die die unterirdischen Grenzgänge gebaut wurden.

So weiß sie von Konrad Schumann, dessen Bild als über Stacheldraht springender Soldat mit Volksarmeehelm und Maschinenpistole berühmt wurde, dass ihn das Schicksal eines vierjährigen Mädchen zum Sprung über den Drahtverhau bewogen hat. Ihre Ostberliner Eltern waren am 12. August 1961 auf einer Feier in Westberlin, eine halbe Stunde zu lange. Die DDR-Behörden weigerten sich, das Kind zu seinen Eltern, die im Westen bleiben wollten, ausreisen zu lassen. Das war nicht der Staat, dem Schumann dienen mochte.

Gegen Ende der Tour M, nach zwei S-Bahn-Stationen zur Bernauer Straße, erzählt Heike Miersch von Reinhard Furrer, dem westdeutschen Astronauten (1985), von dem wenige wissen, dass er in die tragische Geschichte um den Tod des Unteroffiziers der DDR-Grenztruppen, Egon Schultz, am 5. Oktober 1964 verwickelt ist. Furrer gehörte als Physikstudent an der Freien Universität zu einer Fluchthelfergruppe, die einen 145 Meter langen Tunnel vom Westen auf einen Innenhof (der Ausstieg war zufällig in einem vor dem Weltkrieg stillgelegten Abort) gegraben hatte, durch den am 4. und 5. Oktober 57 Menschen („Tunnel 57“) in die Freiheit gelangten.

Die Propagandalüge der SED-Agitprop

Kurz bevor die letzten der Eingeweihten, die wie zufällig von allen Seiten dorthin gekommen waren, nach Nennung des Codewortes „Tokio“ im Aborthäuschen verschwinden durften, seien zwei Neugierige gekommen, die wissen wollten, was denn da los sei. Abwimmeln und Verrat riskieren oder mitnehmen? war für die Fluchthelfer die Sekundenfrage. Sie entschieden sich für Mitnehmen, obwohl die beiden noch einen Kumpel aus der nahen Kneipe holen wollten. Doch statt ihrer kamen Lkw mit Uniformierten und der erste, jener Unteroffizier Schultz, schoss. Ein Fluchthelfer schoss zurück, bevor er im Tunnel verschwand. Draußen fielen weitere Schüsse. Der Unteroffizier starb und wurde unfreiwillig posthumer DDR-Propagandaheld mit Egon-Schultz-Schulen bis zu EgonSchultz-Bilderbüchern, erzählt Miersch. Was die DDR-Behörden damals schon wussten, kam nach der Wende heraus: Schultz war nicht vom Fluchthelfer, sondern von einer Kugel eines Kameraden versehentlich tödlich verletzt worden.Schade nur bei dieser rational wie emotional hoch spannenden Geschichts-Tour für jedes Alter, dass man nicht ein paar Meter selber in einen Fluchttunnel kriechen kann. Das ist alles für den Neuaufbau plattgemacht worden.

Zurück zum Rudower Spionagetunnel. Heike Miersch erzählt: Die Amerikaner hatten 1955 von einem Agenten erfahren, dass nahe der Grenze in Rudow im Berliner Süden ein wichtiger Telefonknotenpunkt der Sowjets war. Den wollten sie von unten anzapfen. Sie bauten eine Halle über dem Tunneleinstieg und zur Lagerung des Materials von 600 Metern Tunnelstrecke, sorgten für eine Klimaanlage, damit der unterirdische Gang nicht im Winter als schneelos auffiel. Und hörten doch fast ein Jahr lang nur russischen Offiziersfrauenklatsch. Was der US-Geheimdienst nicht wusste: Ihr Spion war ein Doppelagent und so sagte sich die Gegenseite, lass die US-Boys graben und horchen, dann sind sie beschäftigt.

Autor 

Hartmut Nolte

Artikel aus 

Mindener Tageblatt, 13. August 2011
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