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Wiedervereinigung und Tunnelöffnung

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Wiedervereinigung und Tunnelöffnung

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 kommt für alle Berliner überraschend. Tausende strömen aus Ost-Berlin in Richtung Westen. Schon zwei Tage später wird der U-Bahnhof Jannowitzbrücke als provisorische Grenzübergangsstelle geöffnet. Kurze Zeit später beginnt man, die für Jahrzehnte getrennten Leitungsnetze wieder zusammenzuschließen. Die alten Wasser- und Stromleitungen im Grenzgebiet sind allerdings völlig unbrauchbar und müssen komplett erneuert werden. Anders sieht es dagegen bei der Kanalisation aus: Bis Mitte 1991 sind in allen 52 betroffenen Kanalabschnitten die Sperren beseitigt. Mit Presslufthämmern rückt man den tief in der Kanalwand verankerten Eisenbahnschienen und Eisenrohren zu Leibe. Auch die Inbetriebnahme der anderen Geisterbahnhöfe vollzieht sich ungewöhnlich schnell. Als am 1. Juli 1990 sämtliche Grenzkontrollen eingestellt werden, sind fast alle ehemaligen Geisterbahnhöfe zu neuem Leben erweckt.

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Traurige Funde und unterirdische Hinterlassenschaften

Nachdem die unterirdische Infrastruktur beider Stadthälften wieder zusammengeführt ist und die Lücken im Verkehrsnetz weitgehend geschlossen sind, setzt in Berlin ein erneuter Bauboom ein. Auf Europas größter Baustelle am Potsdamer Platz fließen über die Hälfte des Investitionsvolumens in den Untergrund. Vor dem Beginn der eigentlichen Bauarbeiten muss jedoch erst der zum Teil meterdicke „Kulturschutt“ beseitigt werden. Dabei offenbart sich nicht nur am Potsdamer Platz die bewegte Vergangenheit des innerstädtischen Areals. Immer wieder kommt altes Geschirr zum Vorschein, das Zeugnis von besseren Tagen ablegt. Alte Munition und verrostete Waffen, selbst eine halbe Stalinorgel lassen den Schrecken von Tod und Vernichtung ahnen, der in Berlin zu Kriegsende wütete. Zerschmolzene Flaschen und zerlaufenes Fensterglas zeigen die Folgen des Bombenhagels. Als Bauarbeiter am Potsdamer Platz auf den helmbewehrten Schädel eines jungen Soldaten stoßen, herrscht Betroffenheit. Die Enttrümmerungsarbeiten können meist nur von panzerglasgesicherten Baggern durchgeführt werden. Oft rückt der Munitionsbergungsdienst der Polizei an und entschärft einen der unzähligen Blindgänger.

Immer wieder kommen auch Bunkeranlagen zum Vorschein. Bereits 1990 wird im Rahmen von Munitionsbergungsarbeiten als Vorbereitung für die Aufführung Rockoper „The Wall“ des Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters im ehemaligen Todesstreifen der Bunker der SS-Fahrbereitschaft, vollgerümpelt mit Waffen und scharfer Munition, freigelegt. Für weltweites Aufsehen sorgen hier vor allem alte die NS-Ideologie verherrlichende Wandbemalungen. 1992 müssen Teile der mächtigen Betondecke des „Adlon-Bunkers“ zerkleinert werden, die der Rekonstruktion der historischen Brunnenanlage auf dem Pariser Platz im Wege liegen. Pech hat auch die Deutsche Genossenschaftsbank, die am südlichen Platzrand ihren Neubau plant. Im Dezember 1996 stößt man dort auf den gänzlich vergessenen „Speer-Bunker“. Bei Probebohrungen im Rahmen der Baugrunduntersuchung knapp verfehlt, führt die Beseitigung der Anlage zu erheblichen Verzögerungen im Bauablauf.
Ein Jahr später wiederum entdeckt man bei der „Baufeldfreimachung“ für die Ländervertretungen und das Holocaust-Mahnmal den „Goebbels-Bunker“. Die Bautrupps stemmen sich in offenkundiger Unkenntnis über den Bunker durch die 1,80 Meter starke Stahlbetondecke, anstatt einfach den Zugang ein Stück daneben zu öffnen. Als vorläufiger Höhepunkt gilt die eher zufällige Freilegung einer Ecke des Führerbunkers im Oktober 1999, die zu einer heftigen Debatte über den künftigen Umgang mit diesem Bodenfund führt.

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Zwischen Technokeller und unterirdischer Großbaustelle

Es sind nicht die Großinvestoren, die nach der Wiedervereinigung als erste unterirdisch aktiv werden. Als die Architekten noch an ihren Reißbrettern sitzen, bildet sich in Berlin eine Clubszene heraus, die den „Underground“ in Beschlag nimmt und weit über die Grenzen der Stadt bekannt wird. Bereits im März 1991 öffnet in den letzten Überresten des Wertheim-Komplexes an der Leipziger Straße, einstmals größtes Kaufhaus Europas, der „Tresor“ seine Türen. Von der Pracht der 1920er und 1930er Jahre blieben nur die unterirdischen Tresor- und Schließfacheinrichtungen erhalten und verleihen dem Club sein einzigartiges Ambiente. Auch andere Orte werden wieder entdeckt. In der alten Toilettenanlage unter dem Leipziger Platz etwa gastiert für ein Jahr der Club „WMF“, im alten Bewag-Umspannwerk an der Wilhelmstraße das „E-Werk“. In Kelleranlagen heruntergekommener Gebäude der Umgebung kann man weitere „Etablissements“ meist temporären Charakters entdecken. Darunter eine „Caipirinha-Bar“, deren spärlich beleuchteten Zugang nur Eingeweihte kennen. Vom Elan der aufblühenden Partyszene ist heute allerdings nichts mehr übriggeblieben. Mit den ersten Baukränen verlagert sich die Szene schnell in andere Stadtteile. Als letztes Überbleibsel dieser Zeit muss der „Tresor“ am 16. April 2005 endgültig seine Türen schließen.

Am 29. Oktober 1994 feiert man die Grundsteinlegung für die „debis-Neubauten“ am Potsdamer Platz. Für die Projekte der Großinvestoren entstehen riesige, mehrere Hektar umfassende Baugruben, die größten von ihnen bis zu 20 Meter tief. Seitlich werden sie durch sogenannte Schlitzwände aus Stahlbeton gesichert, die vor dem eigentlichen Aushub bis zu 25 Meter tief in den Boden eingelassen werden. Diese Schlitzwände, die zugleich die Einfassung der ausgedehnten Fundamentwannen bilden, müssen ihrerseits mit Bodenankern gegen Abkippen gesichert werden, bevor das Ausbaggern beginnen kann.

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Kathedralen der Unterwelt

Grundwasser, das bereits in drei Metern Tiefe erreicht wird, verwandelt das Areal schnell in eine pittoreske Seenlandschaft. Es kommen nicht nur Schwimmbagger sondern auch Taucher zum Einsatz, die das Abdichten der Baugrubensohlen mit etwa 1,5 Meter starken Grundplatten überwachen. Diese wiederum werden zusätzlich mit langen Erdankern im Untergrund befestigt. Auf diese Weise verhindert man vor allem den „Supergau“ auf der Baustelle. Da nach dem Abpumpen des in den Baugruben stehenden Wassers der nötige Gegendruck fehlt, könnte der Auftrieb des Grundwassers die ganze Fundamentwanne wieder nach oben heben. Die Fundamente gelten erst als gesichert, wenn die Neubauten soweit fortgeschritten sind, dass sie ein ausreichendes Gegengewicht zum Grundwasserauftrieb bilden.

Allein bei „debis“ werden auf einer Gesamtfläche von 68.000 Quadratmetern rund 2,8 Millionen Tonnen Erde abtragen. Für das Betonieren der bis zu vier Untergeschosse verbaut man jeden Tag 2.500 Kubikmeter Beton. Die spektakuläre Baustelle im Herzen der Stadt entwickelt sich schnell zur wichtigsten Touristenattraktion des Neuen Berlins. Über 50 Baukräne sind im Einsatz. Zwischen 1997 und 1998 werkeln über 4.000 Arbeiter gleichzeitig an 19 Gebäuden, zehn Straßen, einem unterirdischen Regionalbahnhof, einer U-Bahnlinie unter der Potsdamer Straße, am Tunnel der Bundesstraße 96, am Parkhaus in der Köthener Straße sowie an den rund 12.000 Quadratmeter großen Wasserflächen. 2.500 der geplanten 4.000 Parkplätze werden in den ausgedehnten Tiefgaragen untergebracht. Trotz des Umfangs dieser Aufgaben wird das „debis-Areal“ nach nicht einmal vier Jahren Bauzeit termingerecht am 2. Oktober 1998 eröffnet, der 1,5 Milliarden DM teure „Sony-Komplex“ folgt am 14. Juni 2000.