Abb. 1: Untergeschoss der Basilika San Clemente
Abb. 2: Wie die Rohrspatzen - John Law im Entwässerungskanal
Abb. 3: Wir haben einen Unterwelten-Papst!
Abb. 4: Grundriss des Nemi-See-Entwässerungskanals
Abb. 5: Querschnitt des Nemi-See-Entwässerungskanals
Abb. 6: Die verschiedenen Bauphasen des Nemi-See-Entwässerungskanals
Abb. 7: Der Eingangsbereich des Entwässerungskanals...
Abb. 9: Regulierendes Schott und Filtereinrichtung aus massivem Gesteinsmaterial
Zwei Tage später – nachdem wir in den vergangenen 48 Stunden die unterschiedlichsten ober- und unterirdischen Attraktionen Roms in Augenschein genommen hatten, unter anderem die jüdischen Katakomben, die Kapuziner-Krypta der Basilika S. Maria della Concezione, die unterirdische Basilika (Abb. 1) und den Mithras-Komplex in den beiden Untergeschossen der Basilika S. Clemente – waren alle Teilnehmer von Julia und ihren Begleitern aus Amerika und Paris zu einem fulminanten Abendmahl in deren Quartier eingeladen worden.
Dieses Zusammentreffen bot natürlich ausreichend Gelegenheit zum gegenseitigen Interessenaustausch. Ingmar Arnold ergriff die Initiative als Botschafter, um auf unser bevorstehendes 10-jähriges Jubiläum und das daran gekoppelte Vereinsprogramm hinzuweisen. Und er sprach allen Interessierten eine Einladung aus, nach Berlin zu kommen. Ich machte den Vorschlag, ein Weblog zur Förderung des internationalen Kommunikationsaustausches aufzusetzen. Edle Pläne – wie real oder virtuell sie sind und ob sie sich dann auch umsetzen werden lassen können … das steht auf einem ganz anderen Blatt.
Zu vorgerückter Stunde stand dann noch eine kleine spontane Erkundung auf dem Programm. John Law aus San Francisco hatte tagsüber eine U-Bahnbau-bedingte Kanalfreilegung an der Piazza Porta S. Giovanni gesichtet, die wir in einer nächtlichen Aktion etwas näher unter die Lupe nehmen wollten. (Abb. 2) Man muss dazu erwähnen, dass sich der U-Bahnbau der Linie C in Rom bereits über mehrere Jahrzehnte hinzieht. Ständig werden neue Ausgrabungsfunde gefunden, die im Grunde genommen einen permanenten archäologischen Baustopp herbeiführen. Es hatte zuvor geregnet, und so zogen wir mit robustem Ölzeug los. Der freigelegte Gang war, nach ein paar Schleichwegen über die in offener Bauweise errichtete Baustelle, schnell erreicht.
Nachdem wir auf allen Vieren in den Eingang gekrabbelt waren, schalteten wir unsere Kopfleuchten ein. Es handelte sich vermutlich um einen Entwässerungskanal neueren Datums, sprich des letzten Jahrhunderts – kaum drei Meter breit und völlig zugeschüttet –, in dem wir uns nur extrem gebückt vorarbeiten konnten. Nach 20 Metern folgte eine aufgehäufte Verengung, durch die wir uns fast liegend durchrobben mußten. Danach konnten wir dem Gang weiteren 20 Metern in gebückter Haltung folgen. Es tropfte von der Decke, der Boden war sehr schlüpfrig und damit alles andere als einladend. Wir hingen da wie die Rohrspatzen und waren von oben bis unten total verdreckt.
Jemand hatte noch eine Flasche Schampus eingesteckt, und so führte dies etwas ungewöhnliche Spektakel zu einem Umtrunk der etwas anderen Art. (Abb. 3) Wir besiegelten unsere Untergrund-Freundschaften – dies wiederum führte zur Inthronisierung Ingmar Arnolds als erstem Unterwelten-Papst. Na dann – Prost!
Am nächsten Morgen – wieder lag eine kurze, viel zu kurze Nacht hinter uns, einige hatten sogar gleich durchgemacht – startete unsere Exkursion zum Nemi-See in die Albaner Bergen, in die unmittelbare Nachbarschaft der Päpstlichen Sommerresidenz in Castelgandolfo. Tags zuvor hatten wir uns, ob der widersprüchlichen Auskünfte oder auch der italienischen, durchaus als arrogant zu bezeichnenden Auskunftsmentalität wegen, wahrlich die Köpfe zermartert, wie man den zirka 50 Kilometer südöstlich von Rom gelegenen See strategisch am besten erreichen könnte. Und so hingen die müden Helden morgens um 5.30 Uhr zunächst in der ersten U-Bahn und dann, mit hüfthohen Gummistiefeln, Ölzeug, Helmen, Scheinwerfern und Kameraausrüstungen unterschiedlichsten Kalibers ausgerüstet, ermattet in den Gurten des anschließenden Überlandbusses und verpennten auch glatt die Zielstation.
Mein verlässlicher Orientierungssinn schlug aber sofort Alarm, nachdem auch ich zugegebenermaßen etwas weggedöst war, so dass wir mit einer halben Stunde Verspätung wieder Retour an der richtigen Abzweigung ankamen und trotz alledem noch immer einigermaßen im Zeitplan lagen. Die nächste Coffee Bar und ein vorzüglicher Kaffee waren unser.
Mit Proviant ausgestattet, setzten wir unseren Weg per pedes bis zur Ortschaft Nemi fort, einem kleinen, in den Berg hinein gebauten pittoresken Dörfchen mit Blick auf den noch weitere etwa 150 Meter tiefer gelegenen See. Wie Motive auf Postkarten wirkten die kleinen Lädchen mit allerlei duftenden Wurstwaren und Käsespezialitäten. Besondere Erwähnung muß den Walderdbeerküchlein gezollt werden. Yammy yum! Durch urwüchsiges Gehölz und vorbei an Weinhängen bahnten wir uns den Weg talwärts bis zu unserem vereinbarten Tourtreffpunkt mit den Leuten von „Roma Sotterranea“, die uns heute bei der Erkundung des frühchristlichen Entwässerungskanal des Sees begleiten sollten. Bruno, Carola und Roberto erwarteten uns bereits, und so wurden wir rasch mit den Hintergrundfakten vertraut gemacht.
Der Nemi-See liegt in einem ehemaligen Vulkankrater und ist im Laufe der Geschichte einerseits durch natürliche Quellen, andererseits aber auch durch Regenwasser vollgelaufen. Er verfügt über keinen natürlichen Wasserabfluß, und so stieg der Wasserspiegel im Laufe der Zeit langsam, aber beständig an, bis er etwa im Jahre 50 v.Chr. die Bauten des an diesem Orte errichteten Diana-Tempels akut zu bedrohen schien. Darauf hin ersann man, mit menschlicher Muskelkraft einen künstlichen Entwässerungskanal in das Tuff- und Granitstein zu treiben. (Abb. 4, 5, 6) Dieser sollte nach seiner endgültigen Fertigstellung eine Länge von 1653 Metern haben und dabei ein Niveauunterschied von gut 12,5 Metern überbrücken.
Interessanterweise wurde der Kanalbau von beiden Seiten gleichzeitig begonnen, und beiden Bautrupps gelang der verbindende Durchbruch in etwa auf ¾ der Strecke kanalabwärts. Eine bis heute beachtliche, allein durch Menschenhand geschaffene Bauleistung, wenn man sich die primitiven Werkzeuge und Hilfsmittel einmal genauer vergegenwärtigt. Auch zu damaligen Zeiten hatte man bereits an regulierende Schotts und Filtereinrichtungen gedacht, die den Ablauf regulieren, aber auch das Eindringen von Fremdkörpern verhindern sollte, um möglichen Verstopfungen vorzubeugen.
Und so öffnete uns Bruno nach weiteren 20 Minuten Fußmarsches das Eingangsgitter zum frühchristlichen Entwässerungskanal, der heute etwa 25 Meter über dem aktuellen Seeniveau liegt. (Abb. 7, 8). Wir machten unser Equipment zurecht und, quasi wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, begaben wir uns in den feuchten Vortriebsgang, der jeweils nur Platz zum Passieren einer einzelnen Person bot. Ich bildete mit Carola das Schlusslicht, da ich genügend Zeit haben wollte, um geeignete Bilder ablichten zu können. Im Eingangsbereich dominierte ein von oben mehrere Meter über uns schwebendes steinernes Regulierungsschott. (Abb. 9)
Abb. 10: Beklemmende Enge erschwert die Arbeit mit dem Kamerastativ.
Abb. 11: 1.653 Meter Gangansichten im Abflusskanal des Nemi-Sees
Abb. 12: Die Katakomben von S. Priscilla
Abb. 13: Moderne Übergangspassagen an der Porta Cavalleggeri
Und schon hier wurde klar, wie schwierig es sein würde, in dieser Enge geeignete Motive ohne ausreichende Ausleuchtung im Bild festzuhalten. Ich hatte mir für diesen fraglosen Höhepunkt unserer Exkursion ebenfalls ein Bildkonzept zurechtgelegt, denn der Grund meiner Rom-Reise war nicht allein durch mein persönliches Untergrundinteresse geprägt, sondern auch durch eine Recherche, inwieweit ich brauchbares Clipping-Material (englisch für: Probeaufnahmen) würde erstellen können, um in näherer Zukunft über eine mögliche Multimediaproduktion über den Untergrund von Rom nachzudenken. Es ging dabei nicht in erster Linie darum, finales Bildmaterial zu erstellen, sondern vielmehr das visuelle Untergrundpotential hinsichtlich einer medialen Umsetzung auszuloten. So hatte ich mir überlegt, alle 20 bis 40 Meter auf unserem Weg, zentral ausgerichtet, ein Bild in Gangflucht aufzunehmen und diese Fotos später allesamt als Zeitraffer über einen interaktiven Schieberegler erfahrbar zu machen. Quasi eine manuelle Begehung des Entwässerungskanals, sowohl in vorwärts als auch rückwärts gerichteter Blickrichtung.
Das war wahrlich ein schöner Gedanke in der Theorie – nur musste ich in der Praxis rasch feststellen, dass zeitweise die Einstellungen sehr ähnlich wirkten, und dass ohne eine genaue Archivierung die Unterscheidung beim späteren Editieren sehr mühselig sein würde. Ich entschied ich mich kurzfristig dazu, erstmal nur vorwärtsgerichtet zu fotografieren. Somit konnte ich mich auch gezielter auf visuell interessante Passagen konzentrieren, ohne die Kamerastandpunkte jeweils für beide Richtungen anpassen zu müssen. Erschwerend für das Vorankommen im Kanal war auch eine Entwässerungsleitung aus moderner Zeit, die sich durch den gesamten Gang zwängt. (Abb. 10) Zeitweise gab es kaum Platz für einen sicheren Tritt. Mittlerweile waren auch die voranschreitenden Weggefährten bereits außer Sicht- und sogar auch außer Hörweite, so dass ich etwas zur Eile angehalten war. Nun gut – ich fotografierte alle paar Meter, die Schweißperlen standen mir auf der Stirn. Man konnte am eigenen Atem, der rasch kondensierte, einen leichten kühlen Luftstrom ausmachen.
Alles in allem war diese Exkursion alles andere als bequem. Aber wo ein Wille ist, ist bekanntlich eben auch ein Weg, und so ging es weiter in diesem feuchten, von der Decke tropfenden Gang. Ein echter Lichtblick im wahrsten Sinne des Wortes war dabei meine neue Kopfleuchte. Wow – derart hell, so daß ich völlig das Gefühl vergaß, mitten in einem Berg zu sein. Ich fühlte mich souverän und verfolgte meine künstlerische Absichten. Überrascht wurde ich von den sich wechselnden Gesteinsformationen – sowohl in Farbe, Beschaffenheit und der sich wechselnden Gangkontur, die offensichtlich auf verschiedene Bauabschnitte, Bautechniken und deren Baumeister zurückzuführen war. (Abb. 11) Das harte Steinmaterial zwang die Bergleute dazu, äußerst ökonomisch vorzugehen. So hatte der – von ein paar baubedingten Abweichungen mal abgesehen – fast ausschließlich schnurgerade verlaufende Kanal selten eine Breite, die über 60 cm und eine Höhe, die über 1,2 bzw. und 1,80 Meter hinausging. Lediglich an Übergängen einzelner Gesteinsschichten gab es Erweiterungen, die einen aufrechten Gang zuließen. Ich holte zwar zeitweise meine Vorläufer ein, musste aber immer häufiger selbst eine Pause einlegen. Es war ziemlich anstrengend, ständig gebückt voran zu schreiten und zugleich noch auf optimale visuelle Reize zu achten. An einer Stelle entdeckten wir so genannte Höhlen-Grillen, die überall an den Wänden hockten. Immer weiter zwängten wir uns – teilweise hockend – durch den nicht enden wollenden Gang. Kaum vorstellbar, wie dieses bauliche Unterfangen nur im Schein einer einfacher Öllampe errichtet worden ist. Mein Rücken schmerzte langsam immer stärker, über jegliche Toleranzschwellen hinaus. Daher stellte sich eine sichtliche Erleichterung bei uns allen ein, als wir nach knapp 90 Minuten endlich den Ausgang talwärts erreichten.
Wir standen mitten in einem Weinberg und lüfteten erst einmal unsere verschwitzen Klamotten. Nach einer halbstündigen Regenerierungspause traten wir den Rückweg an. Ingmar aus Berlin und Peter Ryborz aus Wien klagten über nicht unbedeutende Rückenprobleme und beschlossen daher, den Rückzug oberirdisch über Land anzutreten. Die Vorstellung, wieder gebückt die ganze Strecke zurückklettern zu müssen, war jedoch auch für den Rest der Exkursionsgruppe eine schweißtreibende, äußerst mühsame Herausforderung, aber schließlich lag meine zweite Fotostrecke noch vor mir. Also los! Der Rückweg wurde indes von ein paar kleinen neuen Höhepunkten gesäumt.
So mussten die frühchristlichen Gangarbeiten um einen massiven Steineinschluß im Gebirge herum gelegt werden, so dass wir kleinere Seitenpassagen mit wunderschönen Sinterverwaschungen zu Gesicht bekamen. Auch mussten wir uns die Enge mit ein paar Fledermäusen teilen, die sich ebenfalls einen Weg durch das Dunkel bahnten. Als wollten sie für uns einen Ariadne-Faden auslegen, säumten sie unsere Kriechtour und suchten an den Felswänden direkt vor unserer Nase ihren Halt. Nach einer weiteren Stunde erblickten wir dann schließlich am Einstiegspunkt wieder das Tageslicht und konnten unsere gekrümmten Knochen strecken. Die Wärme und das saftige Grün der Vegetation waren erfrischend und bildeten einen extremen Kontrast zu unseren Eindrücken der letzten Stunden. Auch der Akku meiner Digitalkamera war nach diesem Blitzlichtgewitter am Ende seiner Kräfte. Die Mühen wurden jedoch mit einem vollen Speicherchip entlohnt. Und so konnte ich in der kurzen Zeit ein Set von über 400 Aufnahmen realisieren. Unsere italienischen Untergrundkollegen begleiteten uns dann noch zum nächstgelegenen Dorf, wo wir uns erst mal kulinarisch stärkten, bevor wir die Heimreise nach Rom antraten.
Im Laufe der folgenden Tage konnten noch weitere Untergrund-Highlights besichtigt werden, wie zum Beispiel die Katakomben von S. Priscilla (Abb. 12), das Einfahrtstor des Stadiums von Domitian, das unter dem heutigen Straßenniveau liegt, die überbauten römischen Wohnhäuser unter der Basilika S.S. Giovanni e Paolo oder die modernen Übergangspassagen (Abb. 13) samt eines unterirdischen Busbahnhofs an der Porta Cavalleggeri (unter dem Janiculum-Hügel), die uns immer wieder aufs Neue zeigten, wie der vielschichte Untergrund im Laufe der 3500-jährigen Geschichte Roms entstanden, ausgehöhlt, geplant, überbaut, niedergerissen, vergessen und erneut überbaut worden ist.
Es gibt noch vieles zu entdecken, und so wird diese Fahrt gewisslich nicht die letzte Zeitreise in antike und neuzeitliche Fundamente gewesen sein. Wie heißt es sprichwörtlich doch so schön? „Tutte le strade conducono a Roma!“ – Viele Wege führen nach Rom!
Lesen Sie auch Teil 1: Das Gatehouse.