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Newsletter Juli 2010

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Förderer,

wir möchten uns erlauben, mit unserem Juli-Newsletter auf unsere vor allem sommerlichen Aktivitäten aufmerksam zu machen. Und sollten Sie während der heißen Tage eine Abkühlung nötig haben, so möchten wir Ihnen die Tour F (Fichtebunker) oder die Tour 2 (Flakturmruine Humboldthain) ans Herz legen. In beiden Anlagen haben wir momentan noch Lufttemperaturen zwischen 8° und 10° Celsius.

Ihr Berliner Unterwelten e.V.

8632_Ein_halbes_Jahr_Tour

Ein halbes Jahr Tour F

von Sebastian König

Auch wenn ein Gasometer in runder Bauweise errichtet wird, so bewegen wir uns noch lange nicht im Kreis! Das letzte halbe Jahr hat der AG Fichtebunker so einiges abverlangt. Nach anderthalb Jahren der unabhängigen Bau-Sonnabende gab es nun etwas Neues im Bunker, worauf man sich einstellen musste: Besucher!

Am 17. September 2009 begann der offizielle Führungsbetrieb der
Tour F – „Gasometer-Bunker“ Fichtestraße, und somit sah man sich neuen Herausforderungen gegenüber gestellt. Jedem von uns war von Anfang an klar: die Öffnung des Bunkers für den Führungsbetrieb wird Veränderungen mit sich bringen. Dass aber auf einmal ein aktiver Bohrhammer beim Vortrieb in die Bunkerwand stören könnte, mochten wir uns dann doch nicht so recht vorstellen. Immerhin gab und gibt es noch so viel zu erledigen, da kann man doch keine Pause wegen der Besucher einlegen … Also, was tun?

Das moderne Zauberwort heißt „Umschulung“. Fast jeder unserer Bauleute begab sich unter die Obhut von Heiko Taske und durchlief die Ausbildung zum Assistenten. Und wem dies noch nicht genug war, der nahm sich den Leitfaden zur Tour F in die Hand, lernte den Ablauf der Tour und stellte sich dann der Prüfung zum Referenten. Inzwischen weiß jeder, wann, wie und wo die Gruppen unterwegs sind. So kann man sich ganz gut aufeinander abstimmen und den Baufortschritt so leiten, dass die Gäste nicht gestört werden. Und der Bohrhammer? Der muss allerdings weiterhin bis zum Ende der Tour ruhen.

Gemeinsam gezittert haben wir alle: Kommen auch genug Gäste, die unsere Arbeit sehen wollen? Ist es sinnvoll, immer weiter zu arbeiten, wenn doch nicht feststeht, ob wir erfolgreich durch das Jahr 2010 kommen? Gerade im Winter, als nur ein, zwei Leute zu einer Tour kamen, beunruhigte uns dies schon sehr. Klar, auch zwei Leute tragen unsere Botschaft vom Fichtebunker in die Welt hinaus, aber wir brauchen doch noch viel, viel mehr Gäste!

Immerhin gibt es bei uns inzwischen immer mehr zu entdecken. Da wären die neu eingerichtete Kleiderkammer und die Obdachlosen-Zimmer zu nennen, oder etwa der Aufzug, welcher früher nur durch den dafür zuständigen „Führer“ bewegt werden durfte. Für den Tour-Ablauf von großer Bedeutung war sicherlich auch der Wiedereinbau der letzten, im Fichtebunker noch vorhandenen Doppelstahltür. Dies erfolgte gleich neben der neu aufgebauten Registratur. Hier kann man die einzelnen, unterschiedlichen Kapitel der Zeitgeschichte sauber voneinander trennen. Was sich einst vor dieser Tür abspielte, sorgt auch heute noch für Gänsehaut und Schaudern bei unseren Besuchern. 1.600 Personen am Tag wollten in der Nachkriegszeit durch diese Tür, um wenigstens für eine Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Ein 15-jähriges Mädchen saß hinter den trüben Fenstern der Registratur und musste nun entscheiden, wer rein durfte und wer nicht. Heutzutage wollen wir keinen Besucher mehr draußen stehen lassen!

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Internationales Klangkunstfest _tiefKLANG

Vom 20. August bis 11. September 2010 findet das fünfte Internationale Klangkunstfest statt. Das diesjährige Thema ist die Frage nach Dichotomie, Grenzen und Interdependenz subjektiver und kollektiver Wahrnehmung, von Raumzeit in Musik und durch Klang. Besonders thematisiert wird hierbei das Wirkungsgefüge von äußerer Form und innerem Gehalt eines wahrgenommenen musikalisch-klangkünstlerischen Ereignisses sowie die Frage nach Möglichkeit und Sinn der Unterscheidung seiner raumzeitlichen Erscheinung und seiner inneren Struktur. Die Zeitmaße der Werke sind entsprechend extrem: teilweise ultrakurz (bis zu wenigen Sekunden) oder auch sehr lang – mit zahlreichen Uraufführungen, präsentiert in verschiedensten Inszenierungen.

Die begleitende Klangkunst-Ausstellung ist 2010 dem Thema entsprechend ganz dem Augenblick verhaftet, flüchtig, ephemer; die teilweise interaktiven, teilweise situativen Exponate und Inszenierungen gehen sensibel auf die ungewöhnlichen Räume der Unterwelten ein, die mit sehr unterschiedlichen, teilweise minimalen Interventionen bearbeitet und immer wieder neu verändert werden. Im Fichtebunker in den Berliner Unterwelten inszeniert __tiefKLANG 2010 einen multisensorialen Erfahrungsraum, der den Besuchern auf ganz besondere Weise „Gefühlte Augenblicke“ bietet: Musik für alle Sinne!

Die wissenschaftliche Reflexion des Geschehens mündet auch 2010 in ein Symposium mit den Künstlern und Mitwirkenden unter der Leitung von Prof. Dr. Christa Brüstle (UdK). Als Novum wird besonderes Gewicht auf eine persönliche Vermittlung der präsentierten Musik und Klangkunst gelegt. Vor jedem Konzert gibt es eine Einführung in die Werke des Abends, an der auch die KomponistInnen und Akteure des Abends teilnehmen.

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Geschichte vor Ort und in Person

von Martin Rauhut

Am Sonntag, den 25. April 2010, hatte ich das Glück, als Assistent für die „Tour Mauerdurchbrüche“ eingesetzt zu werden. Mit 19 Teilnehmern machten Dietmar Arnold und ich uns um 10.30 Uhr auf den Weg. Auf seine bekannte sachliche Art und Weise führte Dietmar die Besucher durch die Anlage Blochplatz und berichtete im Rahmen der Ausstellung über die Teilung Berlins, den Spionagetunnel von Rudow, die legendären Geisterbahnhöfe, die Kanalisation als Fluchtweg und eben die vielen selbst gegrabenen Tunnel. Selbstverständlich fehlten auch nicht die zahlreichen Geschichten, die das ganze so lebendig machen und dem Ganzen seine Namen und Gesichter geben.

Gegen 11.45 Uhr trafen wir bei herrlichstem Sonnenwetter im Bereich des Mauerstreifens an der Bernauer Straße ein. Hier erwartete uns Hasso Herschel, einer von vielen Fluchthelfern, aber zweifelsohne derjenige, welcher mit den bewegendsten Berichten aufwarten kann. Hasso Herschel wurde am 1. März 1935 in Dresden geboren. Kurz vor Vollendung seines zehnten Lebensjahres wurde er Zeuge der Bombardierung der Stadt. Wegen der Teilnahme an einer Demonstration anlässlich des 17. Juni 1953 in Dresden verhaftet und verbrachte daraufhin fünf Jahre im Arbeitslager „Schwarze Pumpe“ bei Spremberg. Mit gefälschten Papieren und unter Ausnutzung der Situation, dass viele der noch jungen Grenzer mit ihren Aufgaben überfordert waren, gelang ihm wenige Wochen nach dem Mauerbau die Flucht nach West-Berlin. In der Absicht, seine Schwester und deren Familie in den Westen nachzuholen bekam er Anschluss an die Fluchthelfer-Szene. Kurze Zeit später entstand die Idee zum Tunnelbau an der Bernauer Straße. Dem Beispiel folgten diverse Nachahmer. Entlang der Berliner Mauer gab es über 70 weitere Tunnelprojekte, der Großteil scheiterte jedoch.

Nach Dietmars Erklärung, wie man sich den heute als solchen kaum noch erkennbaren Grenzstreifen vorzustellen hat und einer gelungenen Überleitung auf das Thema „Tunnel 29“, durch den im September 1962 29 Menschen die Flucht von Ost- nach West-Berlin gelungen ist, begann Hasso Herschel mit seinen Erläuterungen. Schon schnell kamen die ersten Fragen der Besucher. Der Vortrag lebte davon. Die Besucher haben die Chance rege genutzt, Geschichte zu erfahren von jemandem, der diese tatsächlich hautnah am eigenen Leibe erlebt hat.

Das Resümee nach Beendigung des rund zweieinhalbstündigen Rundgangs bestand darin, dass das wahre Leben wohl spannender ist als jeder Film. Die Geschichte um den „Tunnel 29“ wurde im Jahr 2000 von „SAT 1“ mit Heino Ferch in der Hauptrolle verfilmt. In die Handlung wurden Ansätze von Begebenheiten anderer Tunnelbauten gemischt und mit Liebeleien, Action und vielen Klischees massentauglich aufbereitet. Was für „SAT 1“ einigermaßen ansprechende Einschaltquoten brachte, konnte aber sicherlich nur ansatzweise zeigen, was in den Köpfen von Hasso Herschel und vielen anderen vorgegangen ist, die Leib und Leben riskiert und Übermenschliches vollbracht haben, um Familien zusammenzuführen. Die Tour M „Spezial“ als „Tour des Monats“ hat bereits im vergangenen Jahr stattgefunden. Hasso Herschel sei für sein Engagement an dieser Stelle größte Anerkennung ausgesprochen. Nicht nur für damals, auch für heute. Oberirdisch wurde und wird über die Mauer auf unterschiedlichste Art und Weise berichtet. Die Fluchttunnel sind bis heute ein Thema, über das noch viel zu forschen sein wird.

8637_65_Jahre_Kriegsende_

65 Jahre Kriegsende und Sieg über den Faschismus

von Marina Schubarth und Katharina Goebel

Im April 2010 reist eine Gruppe von Jugendlichen aus Kiew nach Berlin. Sie begleiten die 80-jährige Inna aus einem kleinen Dorf nahe Tscherkasy. In Innas Tasche befinden sich ein paar vergilbte Briefe, die zu einem Dreieck gefaltet sind. „So sahen damals die Soldatenbriefe aus“, erklärt Ljuba Sochka, unsere langjährige Kollegin aus Kiew, die diese Begegnungsreise organisiert hat und Inna begleitet.

„Wartet auf mich!“
Zurück in das Jahr 1942: Die Nationalsozialisten marschieren in Innas kleines Dorf ein. Sie ist damals 15 Jahre alt, hat noch eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder. Er soll nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert werden. Doch der Junge flüchtet und versteckt sich bei den Partisanen. An seiner Stelle soll nun Inna nach Deutschland. Der Bruder entscheidet sich, sie noch einmal zu sehen und die Bevölkerung des Dorfes zu warnen, dass man die Jugendlichen deportiert. Als er in sein Dorf kommt, erinnert hier nichts mehr an die friedliche Zeit, an die Ruhe und an das schöne Dorf. Menschen stehen weinend, wartend auf ihre Reise in die Ungewissheit. Inna und ihr Großvater wollen noch einmal in den Stall, um nach dem Vieh zu sehen. Doch die deutschen Besatzer statuieren ein schreck-liches Exempel: für seinen „Ungehorsam“ wird er als Abschreckung öffentlich gehängt.

Auch Innas Bruder wird Zeuge dieses martialischen Gebarens der Deutschen, rennt sofort zu seiner Freundin, seiner ersten, großen Liebe. Er will sie warnen, sie bitten, mit ihm zu fliehen. Doch er kommt zu spät. Die junge Frau liegt vergewaltigt und mir abgeschnittenen Brüsten auf dem Boden. Sie ist tot. Dieser Anblick wird ihn die nächsten Jahre verfolgen. Er wird viele Briefe von der Front an seine Familie schreiben, in denen er, traumatisiert von dem Gesehenen, aufschreibt, wie er sich für sein Mädchen, seinen erhängten Großvater und die deportierte Schwester an den Nazis rächen will.

Diese Briefe existieren noch heute, wurden zu wichtigem, historischem Material. Er zieht in den Krieg. Vier Jahre lang schreibt er viele Briefe, in denen er den Eltern immer wieder schreibt: „Wartet auf mich! Ich kehre zurück, und ich werde Inna finden. Ich werde sie, egal, wohin man sie deportiert hat, ganz sicher finden!“ Doch so weit kommt es nicht. In einem kleinen Ort bei Frankfurt /Oder wird er erschossen – nur einige Tage vor Kriegsende. In seiner Brusttasche findet man seinen letzten Brief. In ihm beschreibt er, wie viel Leid die Nationalsozialisten der Menschheit antaten, dokumentiert die Befreiung von Lagern, erzählt von der Maschinerie, die von Menschenhand einzig und allein dazu geschaffen wurde, um zu morden. Er schwört Rache für jeden ermordeten Menschen, und er schwört, dass er jetzt, da er in Deutschland sei, Inna ganz bestimmt finden und befreien würde. Er kann diesen Brief nicht mehr schicken.

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„Fliegen heißt Siegen“ – Ein Fernsehtipp 

Immer noch fällt vielen deutschen Unternehmen der Umgang mit der eigenen Rolle im Dritten Reich schwer – so auch der Deutschen Lufthansa.

Im Sommer 2009 fanden Marina Schubarth und Ljuba Sochka in der Ukraine ehemalige Zwangsarbeiter, die im Zweiten Weltkrieg nachweislich bei der Deutschen Lufthansa arbeiten mussten. Gemeinsam mit dem Regisseur Christoph Weber und seinem Filmteam reisten Katharina Goebel und Marina Schubarth vom dokumentartheater berlin im Berliner Unterwelten e.V. in die Ukraine und interviewten die Zeitzeugen.

ARTE hat nun den Film „Fliegen heißt Siegen“ als TV-Erstausstrahlung am 23. Juli 2010 um 20.15 Uhr gezeigt. Im Ersten ist eine 45-minütige Fassung am 04. August 2010 um 23.15 Uhr zu sehen