Alexandra Rainer hat – neben dem Sammelband über die Michaeler Gruft – im Jahre 2005 noch ein zweites Büchlein veröffentlicht. „Melange und Zuckerlskelett“ bietet in der Tat einen „Streifzug durch das ober- und unterirdische Wien“. Es ist ein Reiseführer der besonderen Art, sollte bei einer Reise in die Donaumetropole unbedingt dabei sein. Das Buch ist im Larimar-Verlag erschienen, einem kleinen, als Familienbetrieb geführten Privatverlag eines Fachhochschuldozenten aus Mannheim – die Damen des Hauses haben sich mit dezenten Illustrationen an der Gestaltung beteiligt – der sich als Verlagsprogramm vorgenommen hat, genau ein Buch pro Jahr zu produzieren, nicht mehr, nicht weniger. Im Jahre 2005 war das eben „Melange und Zuckerlskelett“.
Das 147 Seiten starke Büchlein umfaßt 33 Kapitel, ein Anmerkungsapparat von satten 39 Fußnoten mit eingerechnet, die die skurillsten Merkwürdigkeiten für diejenigen, welche in die Geheimnisse des Wiener Dialekts noch nicht so eingeweiht sind, erklären. Denn wer kann sich schon außerhalb Österreichs etwas unter einem „Urtelweib“ vorstellen, einem „Pudl“ (nein, es ist eben nicht das, was Ihr denkt!), einem „Sandler“ oder einer „Schranne“? Wieso gelten die Wiener eigentlich als morbide? Haben sie wirklich das erste Kaffeehaus Europas erfunden? Wo befindet sich die schönste Gruft in der Stadt, und ist das Riesenrad tatsächlich riesig? Diesen und weiteren Fragen wendet sich Alexandra Rainer hier zu.
Es handelt sich hier um ein Buch für den ganz alltäglichen, also praktischen Gebrauch. Man kann es überall – nicht nur in Wien – lesen, in der U-Bahn, in der Badewanne, oder – wie in meinem Fall – auf einer Wanderung durch die Döberitzer Heide. Die einzelnen Kapitel sind recht kurz, in der Regel zwischen drei und zehn Seiten lang, aber man sollte sie nicht unterschätzen, denn sie haben es in sich. Nicht überall geht es dabei um den Untergrund. Es findet sich allerorten ein leicht granteliger, spöttelnder Unterton, der nun aber keinesfalls mit dem legendären Wiener Schmäh verwechselt werden darf.
Kaum ein gängiges Touristenklischee über Wien wird von der Autorin außer Acht gelassen. Insbesondere die weit verbreitete Vorstellung, daß man in Wien den Kaffee anders trinkt als anderswo, er vor allem auch anders heißt. „Man kann doch in einem Kaffeehaus nicht einen ‚Kaffee‘ bestellen! Sie werden trotzdem Ihren Kaffee bekommen. Der Ober weiß, daß Leute, die nur einen Kaffee bestellen, mit einer Wiener Melange zufrieden sein werden. Dabei handelt es sich um eine Tasse, die etwa zu zwei Dritteln mit Espresso und einem Drittel heißer Milch gefüllt ist.“
So weit so gut, das erwartet man auch von einem solchen Buch. Nicht aber, was auf der folgenden Seite zu lesen ist: „Wenn Sie all die verschiedenen Kaffeesorten erlernen wollen, kaufen Sie sich irgendeinen Reiseführer. Da wird es drinnen stehen. Aber es sei hier ein Geheimnis verraten: Die Wiener kennen diese Kaffees genauso wenig. Also ersparen Sie sich die Mühe, lesen Sie einfach die Getränkekarte, da werden meistens die verschiedenen Sorten erklärt. […] Bestellen Sie eine Melange, und Sie liegen richtig!“
Diejenigen Kapitel, die sich direkt auf Wiens Unterwelten beziehen, haben zumeist die Michaeler Gruft zum Gegenstand. In einem solchen erfährt man beispielsweise viel über den historischen Hintergrund, den die Gruftführerin auf ihren Touren den Besuchern mitzuteilen hat. In einem anderen Kapitel lässt sie uns genüsslich daran teilhaben, was sie schon so alles für unglaubliche Sachen mit den Touristen und den Knochen der Toten erlebt hat. In einem dritten Untergrund-Kapitel schließlich stolpert sie selbst (oder ist es etwa eine Ich-Erzählerin?) etwas unbeholfen durch eine außerhalb der gängigen Touren gelegene Gruft und bringt dabei die Totenruhe gehörig durcheinander! Man bekommt den Eindruck, daß die Grenzen zwischen wirklich Erlebtem und Fiktion mitunter bewusst und mit voller Absicht verwischt werden sollen, aber nüscht jenauet weeß man ja nich!
Wem das alles zu morbid werden sollte, so unbedarft als Gruftie in den Grüften herumzustapsen, dem sei das Kapitel „Eine Weinkellertour“ anempfohlen. Dort geben sich, des köstlichen österreichischen Traubensaftes wegen, zwei Wiener Spezis namens Franz und Karl – ja, wie sollen Wiener denn sonst noch heißen, außer vielleicht Joseph? – auf eine Besichtigungsreise durch die bekanntesten und schönsten Gewölbekeller, eine Tour de Force, die nur sehr trinkfesten Touristen bei der nächsten Wien-Reise zur Nachahmung anzuraten ist.
Alles in allem liefert die Lektüre manch überraschende Antwort auf häufig gestellte Fragen. Was den Totenkult betrifft, ist es relativ einfach: „Vielleicht hat das ja weniger damit zu tun, daß die Wiener ‚morbid‘ sind, sondern erkannt haben, daß mit dem Tod durchaus lebendig lukrative Geschäfte gemacht werden können: Nirgends sonst auf der Welt gibt es ein Bestattungsmuseum, und die Michaelerkirche mit ihren Mumien und Skeletten gilt als die ‚schönste‘ Gruft Wiens. Spätestens nach deren Besichtigung kommt man tatsächlich zur Überzeugung, daß es sich keineswegs um ein Klischee handelt, sondern um eine Tatsache: Der Tod ist in Wien näher als anderswo. Nicht grausam und traurig, sondern auf eine seltsame und durchaus heitere Weise vermarktet und somit im Leben der Wiener fest verankert.“
Also schließen sich auf diese Weise die Kreise. Für alle anderen Fragen, die man beantwortet wissen möchte, möge man sich entweder das Buch kaufen oder höchstpersönlich an die schöne blaue Donau fahren. Eine der wichtigsten Sehens- – oder vielmehr – Hörenswürdigkeiten findet sich in Alexandra Rainers kurzweiligem, unterhaltsam geschriebenen Reiseführer allerdings nicht. Ich meine die unvergleichlichen, morbid-metallisch, leicht knarzend klingenden Ansagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln der österreichischen Hauptstadt: „Nächste Station: Neubergasse. Übergang zur Linie 13A!“ Hinfahren, sag ich nur, das muß man selbst einmal gehört haben!
Autorin: Alexandra Rainer
Erschienen im: Larimar Verlag, 1. Auflage 2005
ISBN: 3-931-56924-1
Preis: 10,50 € (147 Seiten, 24 s/w Abbildungen, Format 12 x 19 cm, kartoniert)
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