Zunächst soll kein Leser nach der Lektüre des vorliegenden Artikels leicht benommen und verwirrt von dannen ziehen. Der eine oder andere mag vielleicht die regionalen Gepflogenheiten und Besonderheiten bei der Benennung von Ortschaften nicht kennen und sich beim Lesen von „Lommatzsch“ möglicherweise ein wenig die Zunge verknoten. Ausgesprochen lautet der Name jener Stadt im Landkreis Meißen, die Gegenstand dieses Berichtes ist, „Lommatsch“. Sie liegt inmitten der Lommatzscher Pflege, einer Hügellandschaft in Mittelsachsen, links des Elbtales, nordwestlich Meißens und südlich von Riesa. Die namensgebende Kleinstadt war einst eines der Zentren des Getreidehandels in Sachsen. Eine Besiedlung des Landstriches ist seit dem achten Jahrhundert n.Chr. nachweisbar. Wegen ihrer guten Lößböden wurde die Gegend seit jeher landwirtschaftlich genutzt. Vor allem während des 19. und des 20. Jahrhunderts bildeten umfangreiche Ton- und Kaolinvorkommen die Grundlage für die Tongut- und Steinzeugfabrikationen in Meißen.
Die außerordentlich hohe Fruchtbarkeit der Lommatzscher Pflege ließ bereits zu Zeiten der Besiedlung durch die Slawen und noch früher eine umfangreiche landwirtschaftliche Nutzung entstehen, die das Überleben während und nach den zahlreichen Kriegen und Elementarereignissen, unter denen diese Gegend litt, sicherte. Später entstand eine durch das Handwerk geprägte städtische Struktur in Lommatzsch, was durch die Lage der Stadt an einer Kreuzung zweier Handelsstraßen maßgebend begünstigt wurde. Bereits auf das Jahr 1286 geht die erste Erwähnung Lommatzschs mit Stadtrecht zurück.
So unbekannt auch Lommatzsch in der großen weiten Welt wohl sein dürfte, umso bekannter ist aber ein Mann, der dort zumindest einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Er wurde am 29. März 1939 in Venedig unter dem Namen Mario Girotti geboren. Die Tochter des Lommatzscher Glasfabrikanten Thieme, Hildegard, war mit dem Zug unterwegs in Richtung Italien, als sie den italienischen Pharmazeuten Massimo Girotti kennen lernte. Hildegard Thieme blieb in Italien. Aus der Beziehung mit Girotti ging Sohn Mario hervor.
Als Italien im Jahre 1943 unmittelbar vom Krieg betroffen wurde, ging die Familie nach Deutschland. Mario erlebte die Zerstörung Dresdens im Februar 1945. Nach Kriegsende folgte für den damals Sechsjährigen ein Lebensabschnitt voller Unbeschwertheit in Lommatzsch, den er noch Jahre später als die schönste Zeit seines Lebens bezeichnete. Gern denkt er zurück an die Stadt, die Natur und die Freunde von damals. 1947 verzog die Familie dann zurück nach Rom. Mario begann später ein Studium der Philosophie und wurde als Film-Komparse tätig. Seine eigene Schauspielkarriere begann, nachdem der Filmproduzent Horst Wendlandt (1922-2002) Anfang der 1960er Jahre auf ihn aufmerksam wurde und er in insgesamt vier Karl-May-Verfilmungen mitwirkte.
In Anlehnung an den Namen seiner geliebten Mutter Hilde wählte er seinen Künstlernamen – Terence Hill.
Terence Hill verlor im Jahre 1995 eine Wette in der ZDF-Sendung mit Thomas Gottschalk, „Wetten daß…?“. Er musste somit seinen Wetteinsatz einlösen und Lommatzsch besuchen, wo er Kindern Einblicke in die Welt des Filmes ermöglichte. Tausende Bürger der Stadt und auch zahlreiche Angereiste jubelten ihm bei seiner Ankunft auf dem Marktplatz zu und bereiteten ihm einen Empfang, der dem eines Staatsgastes glich. Als dauerhaftes Geschenk stiftete er eine Wasserrutsche für das städtische Freibad, das seitdem seinen Namen trägt.
Meine Mutter stammt aus einem für diese Gegend recht typischen kleinen Dorf, das dort, wie so viele andere auch, eigentlich im „Nichts“ liegt und in dem in den letzten Jahren eigentlich in etwa genau so viel passiert ist. Das Dorf heißt Beicha, zwischen Döbeln und Lommatzsch in der Gemeinde Mochau. Die Aufenthalte bei den Großeltern habe ich als Kind sehr genossen und verspüre seitdem eine stete Verbundenheit mit dieser Region. Von Beicha aus sind wir so manches Mal mit dem Linienbus in die Stadt gefahren. Meistens waren wir in Döbeln, manchmal aber eben auch in Lommatzsch. Das alles änderte sich nach der Wende. Die Familie wurde eher kleiner als größer, und alle Waren, die man sich früher mal hier, mal da eigens erst mühsam zusammentragen musste, ließen sich nun bequem in den neu entstandenen Großmärkten in der Kreisstadt Döbeln erwerben. Wenn ich mich recht erinnere, war es im Sommer des Jahres 1990, als ich das letzte Mal in Lommatzsch war. Damals war ich neun bzw. zehn Jahre alt. Ferner glaube ich, daß meine Mutter seinerzeit davon sprach, dass sich unterhalb der Stadt eine Reihe unterirdischer Gänge befinden sollte oder zumindest befunden haben konnte, die aus der Zeit des 30-jährigen Krieges stammte. Außerdem konnte sie sich noch an einen Einsturz eines unterirdischen Kellers im Bereich des Marktplatzes in den 1970er Jahren erinnern. Ich weiß nicht, ob sie sich damals hat vorstellen können, wie sich diese ihre Botschaft unbewusst in meinem Kopf festsetzen und ich 17 Jahre später wieder darauf zurückkommen würde.
Nun war es Mai 2007 geworden, als wir anlässlich einer Jugendweihe-Feier die Verwandtschaft im Landkreis Döbeln besuchten. Ich besann mich darauf, nach so vielen Jahren doch endlich mal wieder Lommatzsch zu besuchen, auch die Geschichte mit den vermeintlichen Gängen aus dem Dreißigjährigen Krieg fiel mir wieder ein. Nach meiner Rückkehr begann ich zu Hause damit, im Internet zu recherchieren. Schon recht bald wurde ich findig.
Ich setzte mich also bald auf dem elektronischen Postwege mit dem Museum der Stadt in Verbindung, verbunden mit meinem Anliegen, im Bereich der Lommatzscher Bergkeller recherchieren zu dürfen. Vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2007 plante ich ohnehin eine Reise nach Chemnitz und hielt es für sehr günstig, innerhalb dieses Zeitraumes ein weiteres Mal auch Lommatzsch zu besuchen. Der Termin meiner Abfahrt nahte unaufhaltsam, ohne dass ich von dort eine Rückmeldung erhalten hatte. Schließlich hatte ich mich bereits damit abgefunden, den Besuch wohl auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Doch nur einen Tag nach meiner Ankunft in Chemnitz erhielt ich einen Anruf von einer Mitarbeiterin des Lommatzscher Stadtmuseums, das im Übrigen auch für die öffentliche Präsentation der Bergkeller zuständig ist. Sie bot mir an, dass ich innerhalb der Dienstzeiten der Museumsmitarbeiter vorbeikommen möge. Man würde mir dann alles zeigen. Jetzt galt es natürlich, sofort umzuplanen.
Am 31. Mai 2007, einem Donnerstag, fand ich mich also um 9:06 Uhr im Chemnitzer Hauptbahnhof in einer Regionalbahn in Richtung Riesa wieder. Leider verfügte ich ob dieser kurzfristigen Zusage nicht über die genauen Fahrtverbindungen. Das sollte sich als ein beträchtliches Handikap erweisen, da Lommatzsch seit über zehn Jahren auf dem Schienenwege nicht mehr erreicht werden kann. Die Auskunftsstellen in Chemnitz waren entweder nicht in der Lage, mir Fahrzeiten für die dorthin fahrenden Busse zu nennen, oder ich stand vor verschlossenen Türen. Doch Riesa gehört neben Meißen und Nossen zu jenen Orten, von denen ich ziemlich sicher wusste, daß man von ihren Bahnhöfen aus mit Bussen gut nach Lommatzsch fahren kann. Um 10:13 Uhr kam ich in Riesa an, nahm den Weg über die Straße zum Busbahnhof und suchte den entsprechenden Bussteig auf. Tja, und was soll ich sagen? Ich hatte einfach nur Glück, denn bereits um 10:25 Uhr fuhr der nächste Bus nach Lommatzsch.
Während der 44-minütigen Fahrt konnte ich mehrfach Blicke auf die Bahnlinie erhaschen, die bis 1998 für rund 100 Jahre von Riesa über Lommatzsch nach Nossen führte. Nun erobert sich die Natur die schon lange vernachlässigten Bahnanlagen zurück. Am Busbahnhof in Lommatzsch, der dem dortigen Bahnhof schräg gegenüber liegt, stieg ich aus und orientierte mich erst mal. Aus meinen Kindheitserinnerungen waren nur noch wenige Bilder, die auch keinen verwertbaren Zusammenhang mehr ergeben haben, verfügbar. Ich notierte mir Fahrzeiten von Bussen, die ich für die Rückfahrt nutzen könnte und besichtigte erst mal den Bahnhof, soweit das möglich war. Später ging ich entlang der Döbelner Straße bis in die Stadt. Die Wenzelskirche, als eine von nur vier dreitürmigen Kirchengebäuden in ganz Deutschland, ist als Wahrzeichen schon weithin sichtbar und lässt einen als Besucher den Marktplatz sehr rasch finden. Eben wegen ihrer drei Türme wird die Wenzelskirche auch als die „Mistgabel“ bezeichnet. Schon bald stand ich vor der Eingangstür des Museums.
Der Grundgedanke zur Schaffung der Bergkeller bestand darin, gekühlte Lagermöglichkeiten für leicht verderbliches Obst, Feldfrüchte, tierische Produkte, aber auch für Bier zu schaffen. Vermutlich um 1300 herum wurde damit begonnen, die ersten Bergkeller anzulegen. Über die Jahrhunderte entstand so in der bis zu 15 Metern kräftigen Lößschicht ein Netz von Tiefkellern, dessen Ausdehnung sich stets nach dem Platzbedarf und auch nach den finanziellen Möglichkeiten seiner Anleger richtete. Die Überdeckung mit Löß bzw. Lößlehm zwischen zwei bis fünf Metern sicherte eine kontinuierliche Temperatur von 8 bis 10°C über das Jahr, Lüftungslöcher brachten die für das Lagergut optimale Kellerfeuchte. Doch die Keller dienten in ihrer langen Geschichte nicht nur dem Zwecke von Kühlung und Lagerung. Zahlreiche Kriege, Stadtbrände oder Seuchen waren es, die die Stadtbevölkerung immer wieder zur Flucht zwangen. Wertvolles Hab und Gut wurde dann in den Kellern in Sicherheit gebracht und, schon lange, bevor in Berlin und anderen deutschen Städten massive Luftschutzbunker ober- und unterirdisch errichtet wurden, konnten, vorrangig in den gut getarnten unteren Räumen, zeitweise auch Frauen und Kinder versteckt werden.
Im Jahre 1471 sind für den Bereich der Bergkeller immerhin 108 Eigentümer verzeichnet. 1576 wurden die Keller in das Steuerkataster aufgenommen, 1664 die Steuern wieder erlassen. Die Wiederaufnahme in das Kataster erfolgte schließlich 1816. Eine erste Dokumentation der Kelleranlagen gab es bereits im Jahre 1664 durch einen gewissen Herrn Limbach, der eine Bleistiftskizze anfertigte. In späteren Jahren folgten mehrere Karten, die mal nur die Berg-, manchmal aber auch einige Hauskeller aufführten. Nach dem Beginn der Bergkellervermessungen durch das Ingenieurbüro Meier aus Freiberg waren im Jahre 1998 insgesamt 83 Tiefkeller bekannt. 72 davon waren erkundet, der Rest nicht mehr begehbar. Nach dem diejenigen Keller, die nach Auffassung der Wissenschaftler das größte Gefahrenpotential darstellten, verschlossen worden waren, bevor es zu weiteren Einstürzen wie in den 1970er Jahren kam, bestand im Jahre 2000 der Stand der Dinge darin, dass es 69 Tiefkeller gibt, von denen 62 erkundet und sieben nicht mehr begehbar sind.
Stets lieferten die Tiefkeller auch Stoff für Legenden. Verbindungsgänge soll es nicht erst seit dem Jahr 2000, sondern schon seit jeher gegeben haben. Diese sollen dann aber nicht nur die Keller miteinander verbunden, sondern sogar einen Fluchtweg bis auf die andere Seite des Elbtales geboten haben, welches doch einige Kilometer von Lommatzsch entfernt ist. Die Gänge sollen dabei so hoch und breit gewesen sein, daß sie einem Pferd nebst seinem Reiter Platz boten. Mich persönlich erinnert das sehr an die Geschichten über einen berühmten Tiefbunker im Herzen Berlins, der zwar einigen zu ihrer Zeit namhaften Personen Zuflucht, nie aber den laut zahlreicher Legenden riesigen, verfügbaren Platz bot, weder Autobahn- oder Gleisanschlüsse, einen Flugplatz oder gar einen Hochseehafen besaß. In dieser Hinsicht erweisen sich auch die Lommatzscher Tiefkeller als unspektakulär, für manchen Freund von Legenden und Mythen fast schon langweilig. Keine Kunst- oder Münzschätze sind zu finden, nicht von ganz früher und auch nicht aus der jüngeren Vergangenheit.
Während der jüngeren Geschichte kam es immer wieder zu verheerenden Einstürzen im Bereich der Bergkeller, die sich stets negativ auf die städtische Bebauung im Umfeld auswirkten. Seit 1995 befasst sich eine Arbeitsgruppe „Bergkeller“ mit der Sicherung derjenigen Anlagen, deren baulicher Zustand am schlechtesten ist. Aber auch die Sanierung und Aufarbeitung der besser erhaltenen Anlagenteile gehören zu den ihr übertragenen Aufgaben. Neben der Sicherung der ansonsten stark gefährdeten städtischen Bausubstanz soll somit auch ein Teil jener Geschichte bewahrt und für die Nachwelt vorzeigbar bleiben, mit der die Stadt Lommatzsch untrennbar verbunden ist.
Seit dem 8. Dezember 2000 befindet sich im Bereich des Marktes eine aus drei zusammenhängenden Kellern bestehende Schaubergkelleranlage, stets eine Etage unter den Hauskellern und sich an den Grundstücksgrenzen orientierend. Die Gesamtlänge der begehbaren Gänge beträgt 122,5 Meter. Die Sohlentiefe liegt zwischen vier und sieben Metern, die Gänge sind um die 1,75 Meter hoch. Deshalb müssen sich die Besucher auch mit Helmen ausstatten. Doch das zahlt sich aus, kratzt der glücklicherweise eben doch behelmte Kopf schon bald das erste Mal an der gemauerten Decke entlang. Die Gänge sind durch elektrisches Licht erleuchtet. In den Kellerräumen hat man das ausgestellt, was dort einst gelagert wurde. Um die idealen Lagermöglichkeit zu demonstrieren, stehen Körbe mit Äpfeln der Ernten aus den Jahren 2005 und 2006 nebeneinander. Nur selten ist eine verdorbene Frucht auszusortieren, in der Regel sehen sie frisch und lecker aus. Aber auch Feldfrüchte, Kartoffeln, werden gelagert. Ferner dürfen natürlich auch die Brauerei-Erzeugnisse nicht fehlen, und auch eine Auslese an Wein, dessen Genußdatum aber teilweise wohl doch schon überschritten gewesen sein wird, war bei meinem Besuch vorrätig. Und – wer kennt dieses kleine Wunder der Natur nicht aus unserem Unterweltenmuseum? – eine „Schwester“ der „kleinen Birke“ wuchs auch einst in Lommatzsch. Sie schlug ihre Wurzeln durch die steinerne Gewölbedecke und erreichte den Boden. Ob sie im Lehm Nahrung fand und glücklich ward, darf bezweifelt werden. Denn auch ihr ereilte das gleiche Schicksal wie ihre „Schwester“ in Berlin. Nur einige wenige Wurzelreste, die quasi in der Kellerdecke stecken, zeugen noch von ihrer Existenz.
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war Lommatzsch berühmt für sein Bier. Die damals 771 Einwohner der Stadt stellten im Jahre 1697 immerhin 1100 Fässer voll des güldenen Gerstensaftes her. In nahezu jedem Haus befand sich eine Brauerei. Gemäß des „Lommatzscher Bierprivileges“ von 1540 durfte im Umkreis von neun Kilometern rund um die Stadt nur Bier aus Lommatzsch ausgeschenkt werden. Dieses Privileg sollte dem Zweck dienen, die doch recht beachtlichen Mengen auch absetzen zu können. Die Tiefkeller boten eine optimale Möglichkeit, das Getränk kühl zu lagern. In seiner im Jahre 1629 gedruckten Chronik lässt sich der Pfarrer und Chronist Valentin Lossius vernehmen, dass der Lommatzscher Gerstensaft selbst an den heißesten Sommertagen so frisch war, dass er die Zähne kältete. Die Stadt erhob dann eine sogenannten Biersteuer, die sich nach der Größe in Quadratmetern der Keller richtete.
Bereits seit dem Einsturz des Rathausgiebels im Jahre 1660, bedingt durch das Zusammenbrechen eines der Bergkeller, ist das Problem mit den Einstürzen gegenwärtig. Zwei weitere Einstürze erfolgten in den Jahren 1661 und 1664. Zu zahlreichen Einstürzen und auch Wassereinbrüchen kam es auch noch im Verlaufe des 19. und des 20. Jahrhunderts. Denen folgten eine Senkung im Bereich der Schützenstraße sowie der Einsturz der Inneren Meißener Straße im Jahre 1926. Immerhin traten dabei Reste von Gefäßen aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu Tage. Im April des Folgejahres erging eine dringende Empfehlung, die unterirdischen Gänge dem Stadtrat zu melden.
Eine weitere Reihe von Tiefkellereinstürzen ereignete sich im Jahre 1970 im Bereich des Marktes. Hierbei verschwand eines der Wahrzeichen der Stadt, der schiefe Markt, der daraufhin begradigt worden ist. Als Beispiele für Funde von weiteren Scherbenresten seien an dieser Stelle noch zwei Beispiele erwähnt: Im Bereich des Grundstückes Döbelner Straße 10 bzw. 10a stürzte 1984 eine Buchhandlung ein. 1997 treten an dieser Stelle Reste von Waldenburg-Keramik aus dem 14. bzw. 15. Jahrhundert zum Vorschein. Im Verfüllmaterial eines alten Bergkellers im Bereich des Grundstückes Kirchplatz 4 fand man 1999 Keramikteile, die vermutlich aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen.
Tod der Besitzer, Eigentümerwechsel bei den Immobilien, Aktenverluste oder vieles andere mehr führten gerade im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zu dem Ergebnis, dass die Lommatzscher Bergkeller mehr und mehr in Vergessenheit geraten sind. Das sollte sich rächen, kam und kommt es doch immer wieder – bis in die heutige Zeit hinein – zu Einstürzen wie den oben beschriebenen. Die Anlagen vermüllten, die Luftzufuhr war nicht mehr gewährleistet, Neubau oder Umgestaltung bei der Verlegung von Versorgungsleitungen taten teils ihr übriges. Schließlich waren die Anlagen bei ihrer Entstehung nicht für die Vibrationen und Belastungen des Straßenverkehrs ausgelegt, wie das 20. Jahrhundert sie mit sich bringen sollte. Die Schäden an umstehenden Gebäuden waren oder sind teils gar sehr beträchtlich. Mehrfach gab es im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Bestrebungen, die Keller bergschadenskundlich zu begutachten, eine Gesamtkarte zu erstellen und ihren Zustand zu beurteilen. Meistens waren es finanzielle Widrigkeiten, die diese Projekte schneller wieder einschlafen ließen, als dass sie eine Chance hätten haben können, wirklichen Nutzen zu erbringen.
Während seit dem Jahre 1995 ein weiterer Versuch angelaufen war, die unterirdischen Anlagen auf ihre wirkliche Lage und Ausmaße hin festzulegen, kam es schon ein Jahr später, im Jahre 1996, zu einem der in der jüngsten Geschichte verhängnisvollsten Einstürze im Bereich der ehemaligen Gaststätte „Goldene Sonne“. Die Forschungsmaßnahmen „Kartographische Erfassung der Tiefkeller und Gänge in Lommatzsch“ zielten daraufhin nun vor allem darauf ab, die Lage nicht nur der Tiefkeller, sondern auch die von Gängen, Brunnen, Schichtwassersammlern, nicht mehr genutzten Hauskellern sowie von Wildwasserschloten zu erfassen und auf ihre Lage sowie ihr Gefährdungspotential für die städtische Bebauung hin einzuordnen. Die Forschungsarbeiten – sie sind noch immer nicht abgeschlossen – sollen dazu dienen, das Wissen bei den Verantwortlichen zu erhöhen und sie für dieses Thema zu sensibilisieren.
Soweit das möglich ist und Gefahrenstellen bekannt sind, sollen dann entsprechende Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet werden, um wiederholte Vorfälle in dieser Größenordnung so weit wie möglich auszuschließen. Nach wie vor befindet sich unter dem kernstädtischen Bereich Lommatzschs eine unbekannte Anzahl von Bergkellern. Besonders kritisch ist die Lage hinsichtlich jener Keller in der zweiten Ebene, mit einer Sohlentiefe zwischen fünf und sieben Metern. Sie sind oft besonders stark von der Feuchtigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Das Auffinden jener Keller ist natürlich jedes Mal sehr aufwendig, besitzt aber hinsichtlich des besonderen Gefährdungspotentials eine hohe Priorität.
Im Jahre 1579 wurde Lommatzsch von insgesamt 25 Brunnen mit Wasser versorgt. 15 Brunnen waren öffentlich, zehn gehörten Privatleuten. Im Laufe der Zeit erwiesen diese sich jedoch als zu kalkhaltig. Daher strebte man einen Wasserleitungsbau ab der Altlommatzscher Quelle an. Brunnen und Tiefkeller sind in ihrer Funktion sehr eng miteinander verbunden. Beim Bau der Brunnen sind zahlreiche, nicht natürliche, aber vertikal verlaufende Luftzufuhrstellen zwischen den verschiedenen Grund- und Schichtwasser führenden Schichten innerhalb des Lößprofils geschaffen worden. Werden diese dann nicht konsequent durch Brunnenringe abgeriegelt oder nicht mehr in Betrieb befindliche Brunnen nur unzureichend bzw. mit nicht wasserdichtem Material verfüllt, gewinnen die Dinge eine Eigendynamik, die für den gesamten Untergrund eine Gefahr darstellen kann. Werden Löß und Lehm mit Wasser versetzt, entsteht eine schlammige Brühe, die durch die Gemäuer der Tiefkeller kaum aufgehalten werden kann und erhebliche, nie wieder gutzumachende Schäden anrichtet.
Im Rahmen der Erforschung des Untergrundes in Lommatzsch wandte man sich auch der Wasserversorgung der Stadt zu. Diese Forschung wies im Jahre 1999 folgendes Ergebnis auf: Von 15 betriebsbereiten Brunnen befinden sich neun im unmittelbaren Untersuchungsgebiet, also der historischen Innenstadt. Es existieren 16 historische Brunnen, von denen aber 14 verfüllt sind. Von weiteren 28 privaten Brunnen befinden sich acht im Untersuchungsgebiet, es sind 15 verfüllt. Ferner ist von vier Feuerlöschbecken eines verfüllt.
Nach meiner Besichtigung der Tiefkelleranlagen habe ich mich noch durch das Museum führen lassen. Es zeigt eine nach den verschiedenen Themen gegliederte Ausstellung zur Geschichte Lommatzschs und der Lommatzscher Pflege. Das Leben auf dem Land steht ebenso im Mittelpunkt wie das städtische Lommatzsch. Die Ausstellungsräume mit „Großmutters Wohnzimmer“ oder „Großmutters Küche“ erinnerten mich an genau jene Räume im Hause der Großeltern, wie ich sie aus Kindheitstagen her noch kenne. Berühmten Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Terence Hill, sind gesonderte Räume gewidmet. Betrachtet man sich Lommatzsch heute, so mag man manchmal kaum glauben, welch bedeutender Industriestandort es einst gewesen ist. In der schon beschriebenen landwirtschaftlichen Nutzung der Umgebung spielte die Rübenzucht eine wichtige Rolle. Fast schon ein Stück Eisenbahnromantik ist es aus heutiger Sicht, wenn man bedenkt, dass die Ernte mit der Schmalspurbahn nach Döbeln und weiter bis nach Meißen gefahren wurde. Diese Zeit lässt sich beim Besuch des Stadtmuseums nachempfinden. In dem im Hinterhof gelegenen Budenhaus, wo sich einst die Marktbuden befanden, gibt es eine Ausstellung, die Frauen in ihren jeweiligen Berufen präsentiert. Gewissermaßen ausgelagert in das Erdgeschoss des Museums ist das Hochzeitszimmer des Rathauses.
An dieser Stelle möchte ich meinen herzlichsten Dank aussprechen an die netten Mitarbeiterinnen des Museums, die mir während eines etwa dreistündigen Rundganges die Tiefkeller und das Museum gezeigt haben. Mit viel Hingabe wurde alles erläutert und auf meine Fragen ausführlich geantwortet. Da ich mich vorher bereits mit meinen Beweggründen angekündigt hatte, wurde ich mit umfangreichem Informationsmaterial versorgt, das mir bei der Erstellung dieses Textes äußerst behilflich war. Auch hierfür gilt ihnen mein verbindlichster Dank.
Das Museum und die Tiefkeller stehen jeden Sonntag zwischen 13:00 Uhr und 17:00 Uhr zur Besichtigung offen. Führungen können aber auch darüber hinaus mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums vereinbart werden. Der Preis für eine Führung durch die Tiefkeller und das Museum beträgt sehr erschwingliche 3,00 €.
Stadtmuseum Lommatzsch
Am Markt 14
01623 Lommatzsch
Telefon und Fax: 035241 51490
Lommatzsch ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Es empfiehlt sich, mit der Bahn bis nach Riesa, nach Meißen oder auch nach Nossen zu fahren. Von den dortigen Busbahnhöfen fahren täglich mehrmals Busse nach Lommatzsch. Der Busbahnhof befindet sich unweit des Stadtzentrums.
Wer unbedingt mit dem eigenen Fahrzeug anreisen möchte, fährt von Berlin aus über die A 13 bis zum Autobahndreieck Dresden Nord, wechselt dort auf die A 4 in Richtung Frankfurt am Main und am Autobahndreieck Nossen wieder auf die A 14 in Richtung Magdeburg. Ab der Anschlussstelle Nossen Ost geht es über die B 101 und die S 85 bis nach Lommatzsch.