Berlin verfügt über ein faszinierendes unterirdisches Potential, das nur wenig oder gar nicht genutzt wird. Daher ist es eines der Ziele des Berliner Unterwelten e.V., unterirdische Anlagen für die interessierte Öffentlichkeit zu erschließen.
Am Gesundbrunnen in Berlin-Mitte setzt der Verein dies kontinuierlich um und baut hier seit 1998 das Berliner Unterwelten-Museum als ständige Ausstellung auf. Bereits ab dem Frühjahr 2000 gibt es regelmäßige Untergrund-Führungen, die Ausstellung wird ständig erweitert. Die Aktivitäten des Vereins werden von Anbeginn vom Bezirksamt Mitte von Berlin unterstützt. Die Zusammenarbeit zwischen Bezirk und dem Verein hat sich über Jahre bewährt, schließlich geht es auch darum, den Bereich Gesundbrunnen aufzuwerten. In der Vergangenheit konnten so bereits verschiedene Sonderausstellungen und Theaterprojekte in den Vereinsräumlichkeiten realisiert werden. Auf dieser Grundlage stellte der Vereinsvorsitzende Dietmar Arnold im Frühjahr 2001 dem Bezirksamt Mitte ein neues und sehr ungewöhnliches Projekt vor – die Öffnung der Flakturmruine im Volkspark Humboldthain für geschichtlich interessierte Besucher.
Bereits ab 1988 hat das Grünflächenamt Wedding die Außenanlagen des ehemaligen Geschützturms als Aussichtsplattform und Erholungsfläche hergerichtet. Jedoch gab es immer wieder Bodenabsenkungen, oder abenteuerlustige Unbekannte versuchten, sich ins Innere des Bunkers hinein zu graben. Sie hinterließen immer wieder ihre Spuren im aufgeschichteten und begrünten Trümmerschutt.
Der erste Zugang wird geschaffen (Herbst 2001)
Die Ideen des Vereins sahen nun vor, das Innere der Bunkeranlage auf eigene Kosten für Führungs- und Ausstellungszwecke herzurichten. Gleichzeitig sollten dabei mögliche Gefahrenstellen endgültig von innen abgesichert, zusätzlich ein betreutes Fledermausquartier eingerichtet werden. Nach einigen gemeinsamen Gesprächsterminen konnten die Vertreter des Bezirksamtes schließlich vom außergewöhnlichen Konzept und den Plänen des Vereins überzeugt werden, und im Sommer 2001 kam es zur Unterzeichnung eines Sondernutzungsvertrages für das Innere der Flakturmruine.
Nachdem nun alle Formalitäten geklärt waren, konnte es am 4. Oktober 2001 endlich losgehen. Durch das Schaffen einer Öffnung und dem Einbau einer Eisentür in 8 m Höhe an der Nordwand wurde offiziell der 53 Jahre dauernde Dornröschenschlaf des Bunkers beendet. Von nun an hatte man einen Zugang zum Bauwerk und konnte mit den Schuttberäumungsarbeiten im Inneren beginnen. Vorerst sollte jedoch den Fledermäusen im Bunker die nötige Ruhe gelassen werden und man beschloss, nach der Winterpause weiterzumachen. Im Juli 2002 wurde ein weiterer Zugang auf der sogenannten „Galerie“, der unteren Geschützebene, freigestemmt und die Zugangstüren eingesetzt. Nach Beräumung der Gänge von Trümmerschutt hatte man nun endlich einen Weg auch schweres Baumaterial wie Stahlträger und Gitterroste für die späteren Besucherplattformen hinein zu bringen. Diese erste Bauwoche 2002 wurde übrigens von einem Kamerateam begleitet. Ab nun nahmen die Arbeiten im Inneren des Bunkers ihren Lauf...
Stahlträger und Gitterroste wurden verlegt und verschweißt, Elektroinstallationen durchgeführt, Sicherungsseile befestigt und immer wieder Schutt beräumt; Schutt, Schutt und nochmals Schutt. Hunderte von Kubikmetern dürften es alleine in dieser Bauphase 2002 gewesen sein, aber es sollte noch dicker kommen.
Berlins „höchstgelegene Tiefbaustelle“
Sohlentiefe 6,50 m erreicht! (Sommer 2003)
Baustelle Humboldthain ... auch für erfahrene Betonlieferanten eine Herausforderung
Bereits Ende 2002 stellte man fest, dass ein Teil der Abschlussdecke zum Turmdach durch die Sprengung zerstört und das darunter liegende Treppenhaus verschüttet war. Um diesen Treppenaufgang für die später geplanten Rundgänge nutzen zu können, wurde es also notwendig, die Decke wieder herzustellen. Dummerweise befand sich besagte Decke ca. 6 m unter der heutigen Besucherplattform und man beschloss, mittels zweier großer Baugruben die Sache von oben anzugehen. Ende des Jahres 2002 waren hierzu die ersten Vorarbeiten erledigt, sodass die Baustelle kurz vor Weihnachten winterfest gemacht werden konnte.
Im April 2003 ging es dann wieder in großen Schritten weiter. Die Verschalung des Vorjahres wurde entfernt und durch eine neue ersetzt. An der Stelle des ehemaligen Munitionsaufzuges wurde in 2,5 m Tiefe eine neue Decke eingezogen, um das Nachrutschen von Trümmerschutt zu verhindern. Neben dem Munitionsaufzug wurde nun die eigentliche Hauptgrube in die Tiefe gegraben, 8 m lang und 2,5 m breit. Während die einen sich über den „Jahrhundertsommer 2003“ freuten, floss bei der Baugruppe am Humboldthain der Schweiß in Strömen.
Ende Juli war man auf der Sohlentiefe von 6,5 m angelangt. Angesichts dessen, dass man auf dieser Baustelle so gut wie keine technischen Hilfsmittel einsetzen kann und somit alles Handarbeit war, die Baugruppe zudem in der Regel aus nicht mehr als vier Leuten bestand, ist dies eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Bemerkenswert ist allerdings auch, was sich im Inneren bewegte. Die Schlosser, die den Sommer damit verbrachten, das Treppengeländer und andere Sicherungseinrichtungen zu bauen, konnten sich angesichts einer konstanten Temperatur von 10 Grad im Bunker nicht über einen zu heißen Sommer beschweren. „Sonnenbrand“ bekamen die beiden – wenn überhaupt – nur vom Schweißen.
Am 29. und 30. Juli wurde nun endlich die Decke mittels Fertigbeton, Betonpumpe und Schlauchleitung gegossen und die Baugrube einige Wochen später wieder mit Schutt aus dem darunter liegenden Treppenhaus verfüllt.
Nachdem Mitte Oktober auch der letzte Pflasterstein auf der Aussichtsplattform wieder an seinem Platz eingesetzt war, konnte am 18. Oktober mit den Vertretern der öffentlichen Stellen, Vereinsmitgliedern, Freunden und Förderern des Vereins sowie einigen Pressevertretern das „Richtfest“ oder besser gesagt das „Bergfest“ gefeiert werden. Über die Wintermonate wurden nun noch einige Kleinigkeiten fertiggestellt und die Führung inhaltlich vorbereitet.
Blick in das zerstörte Wendeltreppenhaus von Turm III (2004)
Unter der Obhut von Fledermausexperten steht der flugunfähige Nachtschwärmer namens „Bert“ (2004)
Im April 2004 ging es – parallel zur Aufnahme des Führungsbetriebes – mit den Beräumungsarbeiten weiter. Als erstes wurde in den Sommermonaten der Weg zu Turm II im einstigen 4. Obergeschoß beräumt. Die Vereinsmitglieder bewegten wiederum ca. 200 Kubikmeter Trümmerschutt. Nachdem das neue Wegesystem durch die Schutthalden erstellt war, begannen unsere Hauselektriker mit der Installation der nötigen Beleuchtung, auch das Materiallager wurde hierhin verlegt. Ebenso erfolgte die fachgerechte Sicherung absturzgefährdender Bereiche zur Wendeltreppe.
In einem zweiten Schritt begannen wir dann in enger Zusammenarbeit mit dem Berliner Artenschutzbeauftragten für Fledermäuse, Herrn Karsten Kallasch, es unseren Fledermäusen gemütlicher zu machen. Hierfür wurden zuerst per Kernbohrungsverfahren weitere runde Öffnungen in der Außenwand hergestellt, um den Nachtschwärmern das Einfliegen in die Bunkerruine zu erleichtern. Zusätzlich installierten die Mitwirkenden im 5. Obergeschoß diverse Tonkästen an den Wänden, um der 'Großen Mausohrfledermaus' weitere Überwinterungsmöglichkeiten zu bieten. In Teilbereichen wurden für die kleineren Fledermausarten zudem spezielle Wände aus eng zusammenstehenden historischen Ziegeln hochgemauert. Die schmalen Zwischenräume zwischen den Ziegeln bieten ebenfalls gute Überwinterungsmöglichkeiten.
Im Turm III kamen parallel dazu unsere Betonfachleute zum Einsatz. Am Übergang zur fast vollständig zerstörten obersten Etage mußte ein größeres Deckenfeld neu erstellt werden, um das Einbrechen von Trümmerschutt an dieser gefährdeten Stelle von vornherein zu unterbinden. Ende Oktober wurde das Erreichte im Rahmen eines zünftigen Grillfestes auf unserem Turm entsprechend gefeiert.
Blick in das einstige 3. Obergeschoß (2005)
Eine neue Ebene wird erschlossen - natürlich in Handarbeit (2005)
Die „AG-Humboldthain“ bei einer wohlverdienten Kaffeepause auf der unteren Plattform (2004)
In der Bausaison 2005 konnte im April/Mai zuerst ein weiterer Raum im 4. Obergeschoß komplett von Trümmerschutt befreit werden (ca. 30 m²). Danach verlegten wir den Schwerpunkt eine Etage tiefer. Hier traten zuerst unsere Schlosser in Aktion, indem sie in einem ehemaligen Kabelschacht zwischen der dritten und ersten Etage eine Feuerleiter installierten, um gefahrlos schneller zwischen diesen Ebenen wechseln zu können. Die Elektriker konnten gleichzeitig mit ihren Stromkabeln bis ins unterste Geschoß vordringen, so daß jetzt in allen Etagen ein beleuchtetes Areal zur Verfügung steht. Unsere Trümmerfrauen und -männer arbeiteten sich zeitgleich in der 3. Etage durch meterhohe Schuttberge hindurch, um eine begehbare Verbindung zwischen den Türmen auch in dieser Ebene herzustellen. Hierbei ist ein besonders gefährdeter Bereich, bei dem der Boden besonders stark durchhängt, entlastet und gesichert worden. Die durchgeführten Arbeiten konnten bereits im September und Oktober von den ersten interessierten Besuchern bei unserer Tour E (Humboldthain-Extrem) in Augenschein genommen werden. Der neue Verbindungsweg zu Turm II soll im Verlaufe des Jahres 2006 fertiggestellt werden und wird weitere spannende Bereiche gefahrlos erschließen. Allen Wirkenden sei an dieser Stelle herzlich für ihre Mühen gedankt.
Im April 2006 setzte das Bauteam der AG Humboldthain die Instandsetzungsarbeiten fort. An den regelmäßigen Mittwochs-Einsätzen wurde die Begehbarmachung der Ruine voran getrieben. Freigeschippt ist nun der Übergang zum Turm II in der dritten Etage des Flakturms. Bohrlöcher, vermutlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, und ein als Galvanisierungswanne identifiziertes Becken konnten exhumiert werden. Ebenfalls entdeckten unsere Mitglieder die wohl längsten Stalaktitenformationen des Bauwerks – 1,20 Meter lange Tropfsteine. Die Bauwoche im Juli wurde genutzt um Material für den weiteren Ausbau in den Turm zu bringen. Im Innern galt es zunächst, eine Fensteröffnung in der dritten Etage vom Schutt zu befreien, um 12 etwa acht Meter langen Stahlträger durch ein frei gemeißeltes Loch nach innen zu befördern. Die Unterbringung dieser schweren Stücke entwickelte sich zum schweißtreibenden Kraftakt. Um die verloren gegangene Kraft entsprechend aufzutanken, rundete ein kleines Grillfest die Bauwoche ab.
Die Jahre 2007 und 2008 standen im Zeichen der Sicherung einiger gefährdeter Bereiche sowie der allgemeinen Instandhaltung der für den Besucherverkehr notwendigen Beleuchtung, der Geländer und Absperrungen sowie der Gitterbrücken.
Im Jahre 2009 sollen diese Instandhaltungsmaßnahmen fortgesetzt werden.
Die Instandhaltungsarbeiten werden ab 2009 vereinsöffentlich , bzw. durch die Arbeitsgruppe Bauen / Technik / Ausstellung
durchgeführt.
Die AG Humboldthain hat sich am 9.3.2009 aufgelöst, da das ursprüngliche AG-Ziel, die Begehbarmachung der Flakturmruine Humboldthain, inzwischen erreicht ist.