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Geschichte

Lange vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten waren auf dem Gelände der heutigen Polizei Direktion 5 in Berlin-Kreuzberg das Königin-Augusta-Garde- Grenadier-Regiment Nr. 4 und das Garde- Kürassier-Regiment untergebracht. Sämtliche mit Ziegelstein gebauten Häuser auf dem Gelände entstanden in der Zeit von 1894 bis 1897 nach Plänen einer Baumeistervereinigung der Herren Ferdinand Schönhals, Vetter, von Lilienstern, Müssigbrodt, Oskar Appelius und Carl Schäfer.

Ab 1920 wurde das Gelände von den verschiedensten Polizei-Dienststellen genutzt. 1936 zog die neuaufgestellte Reichsanstalt für Luftschutz in das Haus Nr. 4 und hatte Ende der Dreißiger Jahre zusammen mit der Reichsluftschutzschule und der Luftpolizeischule auch die Häuser 1 und 2 belegt. Die Musteranlage für Luftschutzstollen wurde auf Weisung der Reichsanstalt der Luftwaffe für Luftschutz zwischen 1936 und 1938 von acht teilweise heute noch existierenden Firmen erbaut.

Ein von 1942 bis 1943 erbauter fünfgeschossiger Hochbunker gehörte ebenfalls zu der Musteranlage. In ihm wurden die in die Bunker einzubauenden Gasschleusen getestet, sowie Überdruckprüfungen durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1948) wurde er auf Befehl der Alliierten gesprengt und abgeräumt. Während des Baus der Stollenanlage – ca. 1936–37 – wurde per Gesetz der Stahl rationiert. Es bildeten sich Kommissionen zur Stahlkontingentierung. Daher wurden einige der später errichteten Stollen mit weitaus weniger oder manchmal sogar ganz ohne Stahl gebaut. Die älteren Teile bestehen jedoch noch komplett aus verschraubten Stahlelementen.

Die Anlage diente vornehmlich der Anschauung, um Vertretern von Kommunen, Behörden und Firmen, sowie einer interessierten Öffentlichkeit die Vorteile dieser Bauweise zu verdeutlichen. Die verschiedenen Arten von Stollen waren überwiegend für den Betriebs- und Werksluftschutz von Bedeutung. Lange Röhren passten besser zwischen zwei Werkhallen als ein viereckiger Typenbunker. Den Vorzug vor allen vorgestellten Bauweisen gab man zumindest im öffentlichen Bunkerbau der stahlsparenden Bauart Humerohr aus spiralbewehrtem Schleuderbeton. Nicht zuletzt deswegen, weil die Firma Humerohr GmbH Kirchhain beim Bau von Abwasserkanälen schon einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad erlangt hatte. Außerdem befürchtete man, daß Stahlröhren in der Erde bestenfalls ein paar Jahre Stand halten würden. Aus heutiger Sicht kann man feststellen, daß diese Stahlröhren sicher noch einige weitere Jahrzehnte halten werden. Auch die Standorte der beiden Lüfter lassen sich noch lokalisieren. Leider wurde bei Umbaumaßnahmen des Platzes, unter dem sich die Anlage befindet, eine der Eingangstreppen zugeschüttet. Von ihr ist nur noch ein kleiner Vorraum mit einem Fußabtreter im Beton erhalten. Ein zweiter Notausgang im Humerohr-Abschnitt wurde ebenfalls zubetoniert. Innen kann man noch gut erkennen, wo er sich einst befunden hatte. Ab Ende 1944 bis zum Kriegsende befand sich auf dem Gelände auch ein Entgiftungspark, in dem Übungen zur Durchführbarkeit von Entgiftungen ganzer Kompanien nach einem Angriff mit chemischen Kampfstoffen abgehalten wurden.

Da das gesamte Gelände auch nach Kriegsende weiter durch die Polizei genutzt wurde, geriet die Musteranlage in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit. Obwohl kurzfristig amerikanische Truppenteile in den Häusern untergebracht waren, war die Anlage auf diese Weise der Zerstörung durch die Alliierten entzogen. In der Musteranlage wurde in den Fünfziger Jahren durch die Polizei ein Schießstand eingerichtet. Dafür wurden im Mittelteil der Anlage die drei Stahltüren samt Rahmen ausgebaut und die Maueröffnungen verbreitert. Die ehemalige Türbreite läßt sich noch erkennen. Tausende Geschosseinschläge im Stahl zeugen noch heute von dieser Nutzung.

Nach dem Bau der neuen unterirdischen Raumschießanlage vor der Kantine in den Jahren 1968/1969 hatte die Musteranlage als Schießstand ausgedient. Sie wurde danach nur noch als Gerümpellager genutzt und nur noch sehr selten betreten. Der ältere Teil wurde zudem zeitweise zu einem Brennstofflager umfunktioniert. Durch eine Verstopfung des Abflusses im älteren westlichen Teil lief dieser mit der Zeit bis zur Hälfte mit Regenwasser voll und konnte nicht weiter benutzt werden. Als die Anlage im Frühjahr des Jahres 2000 wiederentdeckt wurde, war sie wieder fast gänzlich trocken und begehbar.

Anzumerken ist, daß diese Stollenanlage nicht dem Schutz der Mitarbeiter der Reichsluftschutzanstalt diente. Für sie wurde auf diesem Gelände 1941 ein viergeschossiger Hochbunker nach einem Entwurf des Architekten Professor Siedler errichtet. Das Material für den nach dem Krieg abgebrochenen Hochbunker kam aus dem Kontingent eines baugleichen Hochbunkers auf dem Gelände der Luftschutzschule Heckeshorn (heutige Lungenklinik Heckeshorn). Von der ehemaligen Reichsanstalt ist heute nur noch die Musteranlage und einige nachleuchtende Pfeile am Haus Nr. 31 erhaltengeblieben. Diese wiesen den Weg zu einem früheren Schutzraum. Zwei dicke Stahlklappen, die noch immer außen an einem Kellerfenster angebracht sind, zeugen davon.

Autor: André Knorn, Stefan LehmannStand: 20.12.08 Seitenanfang