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Flucht durch die „Glockengasse 4711“ Fuldaer Zeitung vom 30. Januar 2010

Fuldaer Zeitung

Die Geschichten, die Andrea Fiedler während der „Tour M – Mauerdurchbrüche“ des Vereins Berliner Unterwelten erzählt, stehen Krimis und Agententhrillern aus dem Kalten Krieg an Spannung, Tragik oder Skurrilität nicht nach.

Auszug aus dem Artikel: „Vor dem vergitterten Eingang zum Bunker Blochplatz, nur wenige Meter von der U-Bahn-Station Gesundbrunnen gelegen, haben sich gut ein Dutzend Personen eingefunden. Minuten später geht es über eine Betontreppe hinunter in die Unterwelt Berlins. Die engen, kargen Räume vermitteln einen Eindruck davon, wie es damals gewesen sein muss. Damals, als während des Zweiten Weltkrieges die Nebenräume des U-Bahnhofs zum vorgeblich bombensicheren Luftschutzbunker für 1318 Menschen umgebaut und dann aber von 4000 Personen genutzt wurden. 1,10 Meter dicke Wände und 90 Zentimeter starke Stahlbetondecken sollten Druckwellen und Bomben standhalten. Doch das interessiert heute nur am Rande. Stattdessen geht es um unterirdische Fluchten aus Ostberlin in den Westteil der Stadt. Von 200 geplanten Tunnel wurden lediglich 70 realisiert. Die meisten wurden vom Westen aus nach Osten gegraben, um die ausgehobene Erde besser verstecken zu können. Erfolgreich waren allerdings ganze 19. Zahlen, die allein schon die Dramatik dieser Vorhaben erkennen lassen.

Andrea Fiedler geht in ihrem Job als Fremdenführerin auf. Mit Berliner Schnauze bringt sie ihren Gästen den Kalten Krieg näher – und den Wettlauf zwischen der Staatsmacht auf der einen sowie den Fluchtwilligen und ihren Helfern auf der anderen Seite. Dazwischen führte eine immer undurchdringlicher werdende militärisch gesicherte Staatsgrenze mitten durch die Millionenmetropole. Über der Erde gab es schon bald nach dem Mauerbau im August 1961 kein Durchkommen mehr, weshalb die unterirdischen Fluchtversuche bald florierten. Zwar war schon 1948 auch das mit 480 Kilometern einst längste Rohrpostnetz der Welt geteilt worden. Mit der Kanalisation war das aber nicht so einfach.

Hätte man durch die Rohre eine Mauer gezogen, wären die Fäkalien eines Tages aus dem Gully gekommen. Gitter wurden allerdings eingebaut. Das war 1952. Die Grenze war noch durchlässig. Im Oktober 1961 gründeten Ostberliner Studenten, die durch die Mauer von ihren Studienplätzen abgeschnitten waren, das (Fluchthilfe-) ‚Unternehmen Reisebüro‘. ‚Sie schleusten 600 Leute durch die Kanalisation. Das war kein Problem, da die Gitter nur oberhalb der Wasserlinie waren. Die Leute durften nur nicht empfindlich gegen den Gestank sein – sie mussten ja durch die Fäkalien hindurchtauchen‘, erzählt Andrea Fiedler und nennt lächelnd den Spitznamen für diesen Fluchtweg: ‚Glockengasse 4711‘. Nachdem dieser von den Behörden entdeckt worden war, wurden Eisenbahnschienen in die mehr als mannshohen Rohre einbetoniert, die durch bewegungsempfindliche Quecksilberschalter gesichert wurden.

Zur Flucht seien auch die U-Bahn-Tunnel benutzt worden, ehe diese durch mit Stahlnägeln versehene Eisenmatten, abisolierte Oberleitungen und Lichtschranken gesichert wurden. Manchmal klappte die Flucht dennoch. Eines Tages klingelte in der Polizeistation eines U-Bahnhofs in kurzem Abstand drei Mal das Telefon: Zunächst wollte ein Grenzer flüchten. Dann folgten seine beiden Kollegen, um so einem Verhör und möglichen Strafen zu entgehen. Und schließlich tauchte eine Stasi-Einheit auf. Sie musste die Verfolgung allerdings erfolglos abbrechen.

Zwischen 1961 und 1989 gab es in Berlin zahlreiche ‚Geisterbahnhöfe‘, durch die die Züge der Westberliner Uoder S-Bahn mit 20 Stundenkilometern fuhren. ‚Ich habe oft in diesen Zügen gesessen, aber nicht daran gedacht. Man hat viel Glück gehabt‘, schildert Andrea Fiedler ihren Eindruck. Sie war 1983 mit Hilfe von Anwälten in den Westen gekommen. Die Ausgänge dieser Bahnhöfe waren vermauert, die Bahnsteige nur spärlich beleuchtet – die Stasi habe aber jeden ‚Vorfall‘ penibel festgehalten. Meistens hätten Leute Lebensmittel oder Zeitungen aus dem Fenster geworfen.

Wir verlassen die bedrückende Enge des Bunkers und betreten den U-Bahnhof Gesundbrunnen. Mit dem Zug geht es zur Bernauer Straße. Beim Verlassen der Station kommen wir an einer Stelle auf die Straße, wo der Verlauf der Mauer durch Pflastersteine markiert ist. Auf einer Strecke von wenigen 100 Metern, nur ein Steinwurf vom Dokumentationszentrum Berliner Mauer entfernt, wurden hier zahlreiche Tunnel gegraben. Fiedler erzählt uns vom ‚Tunnel 29‘ einer Familie Becker, die ‚keine korpulenten und alten Menschen mitnehmen‘ wollte: ‚In den Tunneln war schlechte Luft und sie waren eng. Einige Fluchtwillige wollten diese Ablehnung nicht hinnehmen. Daraus entstand der Seniorentunnel. Die Herrschaften flüchteten im Mai 1962 und gingen am Ku‘damm shoppen.‘ Eine andere Familie habe einen Tunnel unter ihrer Terrasse hindurch nach Westen gegraben. ‚Sie legten die Oma auf eine Decke und zogen sie durch den Tunnel. Dem Hund gaben sie Schlaftabletten und zogen ihn ebenfalls‘, schildert die ehemalige Sekretärin, die monatlich elf Führungen für den Verein Berliner Unterwelten anbietet. Sie erwähnt auch Vorhaben, die tragisch endeten: Teils, weil sie verraten wurden, teils, weil sich Flüchtende schlicht verrechnet hatten und östlich der Mauer an die Oberfläche kamen. Währenddessen stehen wir vor den Häuserfronten, die einst im Grenzgebiet lagen und stumme Zeugen dramatischer Ereignisse wurden.

Zu den längst vernarbten Wunden der Teilung im Berliner Stadtbild passt diese Episode mit glücklichem Ausgang: ‚Eine Gruppe tarnte ihre Flucht durch einen Tunnel mit einer Hochzeitsfeier, zu der sie die Grenzer einluden. Diese lehnten ab. Später fiel ihnen aber die Ruhe auf. Als sie nachsahen, waren die Leute weg.‘“

Autor 

Walter Kreuzer

Anmerkung 

Die Tour M („Mauerdurchbrüche“) gibt es seit dem 20. September 2008 und behandelt das Thema „Unterirdische Fluchten von Berlin nach Berlin“.