Facebook Twitter RSS Login Sprachen
Schriftgröße
Kontrast

Schnellsuche

Bunkereinbau Gasometer Fichtestraße

Seit über 120 Jahren steht er da, dieser Koloß mit seinem Durchmesser von 56 Metern und einer Höhe von 21 Metern, die durch eine Kuppel aus Stahlsegmenten gekrönt wird. Schon diese allein hat eine Scheitelhöhe von 12 Metern. Die Rede ist vom ältesten und als einzigem bis heute erhalten gebliebenen Steingasometer Berlins, der in der Fichtestraße in Kreuzberg zu finden ist. Äußerlich scheint er bis heute fast unverändert zu sein, nichts deutet beim ersten Blick darauf hin, dass sich im Inneren dieses einzigartigen Gebäudes dramatische Abschnitte der Berliner Geschichte abspielten. Für Tausende von Menschen bedeutete der Fichtebunker aber einen wichtigen Einschnitt, den sie Zeit ihres Lebens nicht mehr vergessen werden, rettete er ihnen doch oft genug das blanke Leben.

1028_Vom_Gasometer_zum_Ho

Vom Gasometer zum Hochbunker

Der Bau entstand in den Jahren 1883-84 nach Entwürfen des, wie es in den Quellen heißt, „technischen Dirigenten“ der städtischen Gasanstalten, Reissner. Der Gasometer, um den es hier geht, war der zweite innerhalb eines Ensembles von insgesamt vier Stück, die zur Versorgung der Straßenbeleuchtung dienten. Zwar wurde der Betrieb dieser Gasometer schon in der Weimarer Republik eingestellt – es gab für sie keinen Bedarf mehr, weil die Straßenbeleuchtung auf Elektrizität umgestellt worden war – doch herrschte nach einigen Jahren des Stillstandes bald wieder rege Bautätigkeit auf dem Gelände. Ende 1940 wurde dieser Gasometer zusammen mit zwei weiteren in der Weddinger Müllerstraße/ Ecke Sellerstraße zu Großbunkern für jeweils etwa 6.000 Personen umgebaut. Bauherr war der „Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt“ (GBI), unter der Federführung des Diplom-Ingenieurs Ferdinand Wilhelmi, der maßgeblich am sogenannten „Bunkerbauprogramm für die Reichshauptstadt“ beteiligt war.

Das Vorhaben in der Fichtestraße wurde als „Projekt 103“ zur Ausführung der Firma „Siemens-Bauunion“ übertragen. Heraus kam eine drastische Umgestaltung des Gasometers. Es entstand ein Komplex mit sechs Ebenen, die jeweils über 120 Kammern verfügten. Diese Ebenen waren durch fünf Treppenhäuser und drei Aufzüge verbunden. Ferner wurden 30 Küchen, zwei Heizkessel und ein Notstromdieselaggregat, sowie – abwechselnd auf jeder Ebene – eine Frischluft- bzw. Gasschutzanlage eingebaut , miteinander verknüpft durch einen in der Mitte verlaufenden Luftschacht mit 7,5 Metern Durchmesser. Der Bunker selbst erhielt Stahlbetonwände von 1.80 Metern und eine Abschlussdecke von 3 Metern Stärke. Die Arbeiten wurden überwiegend durch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ausgeführt, die in Baracken direkt neben der Baustelle untergebracht waren. Der Bunkerbau schritt so schnell voran, dass bereits im Februar 1941 mit der Lieferung der Einrichtung begonnen werden konnte.

Während des Bombenkriegs, der stetig an Heftigkeit zunahm, fanden sich immer mehr Menschen in dem Bunker ein. Nach Berichten der Luftschutzwarte hielten sich bei dem Luftangriff in der Nacht vom 2. zum 3. Februar 1945 etwa 30.000 Menschen im Fichtebunker auf. Sogar die umliegenden Polizeireviere brachten die ihnen anvertrauten Häftlinge während der Luftangriffe hier unter, damit sie während der chaotischen Zustände nicht entfliehen konnten. Zu diesem Zweck wurde im Untergeschoss ein Zellentrakt eingebaut. Das „Tausendjährige Reich“ endete für die Insassen des Bunkers mit der Einnahme durch sowjetische Truppen am 27. April 1945 – also schon einige Tage vor der Kapitulation Berlins am 2. Mai 1945.

In der Besprechung beim Magistrat, Abt. für Ernährung, am 3. 7. 45, wurde folgendes mitgeteilt:

Als Flüchtlinge im Sinne der nachstehenden Regelung gelten nur die aus den gebieten östlich der Oder und aus der Tschechoslowakei Vertriebenen. Lebensmittelkarten erhalten diese Flüchtlinge nur dann, wenn sie in Berlin fest aufgenommen worden sind, also wenn der Zugang vom Wohnungsamt genehmigt worden ist. Diejenigen Flüchtlinge, die hier in Kreuzberg früher nicht gewohnt haben, bekommen nur 1 Tag Quartier und Verpflegung (im Fichtebunker). Die Verpflegung besteht aus einer warmen Suppe und 2 Schnitten im Gewicht von zusammen 100 g Brot. Von diesen Flüchtlingen können bloß diejenigen mit Lebensmittelkarten versorgt werden, die nach ärztlichem Attest krank und nicht transportfähig sind.

Anschließend diente der Bunker als Altersheim, Jugendarrestanstalt und zuletzt als Asyl für Obdachlose, in dem man für 2,50 DM pro Tag/Nacht eine Kammer mieten konnte. Erst am 1. September 1963 verließen die letzten Bewohner aufgrund der inzwischen erschreckenden hygienischen Bedingungen den Bunker.

1029_Senatsreserven_und_b

Senatsreserven und „bewachter Leerstand“

Ungenutzt blieb der Fichtebunker auch danach nicht. Die nächsten Bewohner die in das Bauwerk einzogen, nannte man beispielsweise „Unica“, „Armada“ oder „Hennecke“. Sie sind wohl aber besser bekannt als Ölsardinen, Apfelmus oder Brechbohnen und waren Teil der sogenannten „Senatsreserven“. Dieses Lager, vom Senat eingerichtet für Notfälle und für den Fall einer weiteren Berlin-Blockade durch die Truppen des Warschauer Pakts, existierte bis 1990 (im Fichtebunker bis 1988). Seitdem herrscht in dem Gemäuer sogenannter „bewachter Leerstand“. Noch weitere zehn Jahre sollten vergehen, bis eine breitere Öffentlichkeit diese Räume wieder betreten konnte, für so manchen das erste Mal seit Kriegsende. Anlässlich des „Tags des offenen Denkmals“ am 9. und 10. September 2000 wurden durch den Verein Berliner Unterwelten e.V. Rundgänge mit einem kurzen Diavortrag zur Geschichte des Gasometers angeboten. Mehr als 1.700 Menschen nutzten dieses Gelegenheit. Diese großartige und positive Resonanz bestätigte abermals, dass gerade dieser Bunker, dessen Wände den ersten Schrei neugeborener Kinder und den letzten Lebenshauch sterbender Menschen kennen, nicht vergessen oder gar beseitigt werden darf. Vermutlich ist es nur seinem Innenleben aus Stahlbeton zu verdanken, dass der Gasometer noch vorhanden ist. Sonst wäre er wohl, wie die anderen drei Gasometer auf dem Gelände auch, bereits 1952 gesprengt worden.

Fakten 

Ausdehnung: Durchmesser 56 m, Höhe 21 m
Nutzungszweck: Gasometer, nach Umbau Bunker
Zustand: intakt, derzeit begehbar mit Tour F

Autor: Reiner Janick, Gudrun NeumannStand: 15.04.15 Seitenanfang