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Der Excelsior-Tunnel

Der Hotelbau in der Stresemannstraße 78, damals Königgrätzer Straße 112/113, direkt gegenüber dem Anhalter Bahnhof, begann im Jahre 1905. Architekt des 1907 fertig gestellten Neobarockbaus, der zur Eröffnung 200 Zimmer aufwies, war Otto Rehnig (1864–1925). Er entwarf auch den 1912/1913 im Stil der Moderne gehaltenen Erweiterungsbau, mit dessen Errichtung die Zahl der Zimmer auf 450 stieg. Die wirtschaftlich schlechte Situation nach dem Ersten Weltkrieg in Verbindung mit der großen Konkurrenz an Hotels am Askanischen Platz und in der Königgrätzer Straße führten zur Herunterwirtschaftung des Excelsiors.

Diese Situation nutzte der Geschäftsmann Curt Elschner (1876–1963), der im Jahre 1919 das Hotel preisgünstig erwarb. In der kurzen Blütezeit der „Goldenen 20er“ modernisierte Elschner das Haus. Er setzte dabei nicht – wie viele andere bekannte Hotels – auf die Exklusivität, sondern auf die Masse(n). Mit 600 Zimmern und 750 Betten baute er das Excelsior zum damals größten Hotel Berlins aus.

Aber auch dem technischen Fortschritt gegenüber war Elschner aufgeschlossen. Das Excelsior bekam ein eigenes Kraft- sowie ein eigenes Wasserwerk, die staubige Kohle wurde aus dem Hotelbereich verbannt. Die Heizungen wurde auf Gas- und die Küchen auf elektrischen Betrieb umgestellt.

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Der Hoteltunnel

In dieser Stimmung des Aufschwungs, der Innovationen und des zunehmenden Straßenverkehrs entschloss sich Elschner, auf eigene Kosten einen Tunnel vom Excelsior unter der Königgrätzer Straße zum Anhalter Bahnhof anlegen zu lassen. Im Mai 1927 schloss Elschner mit der Deutschen Reichsbahn und der Stadt Berlin einen Vertrag, mit welchem er sich dazu verpflichtete, der Stadt jährlich 1.000 Reichsmark und der Reichsbahn 10.000 Reichsmark für die Nutzung der in Anspruch genommenen Flächen zu bezahlen. Mit der Durchführung des Tunnelbaus beauftragte er die Julius Berger Tiefbau AG.

Der Tunnel wurde in ca. 80 Meter langer gerader Linie von unterhalb der Empfangshalle des Bahnhofs in die Kellerbereiche des Excelsiors geführt. An beiden Enden standen den Benutzern des Tunnels Fahrstühle zur Verfügung. Für den Zugang zu den Fahrstühlen auf dem Querbahnsteig des Anhalter Bahnhofs wurde ein kleines, auffällig gestaltetes und beleuchtetes Bauwerk geschaffen.

Der Bau des Tunnels erfolgte in offener Bauweise, wobei der Straßenverkehr nicht beeinträchtigt werden durfte. Deshalb wurde in den Nachtstunden die Fahrbahndecke stückweise aufgerissen, die obere Bodenschicht abgetragen und anschließend eine provisorische Fahrbahndecke eingebaut, unter der die weiteren Arbeiten erfolgen konnten. Auch unter dem Anhalter Bahnhof waren die Arbeiten erschwert, da Diensträume nicht in Anspruch genommen werden durften.

Die größte bautechnische Schwierigkeit war die Abfangung der schwerbelasteten Frontmauer des Bahnhofsgebäudes. Trotz der privaten Finanzierung öffnete Elschner seinen Tunnel auch für die öffentliche Nutzung. Vor dem Hotel und in der Möckernstraße neben dem Bahnhofsgebäude wurden Zugänge errichtet, so dass nicht nur Hotelgäste das Überqueren der mittlerweile stark befahrenen Königgrätzer Straße vermeiden konnten. In dem sich durch den öffentlichen Ausgang und den Tunnel zur Bahnhofshalle ergebenden spitzen Winkel wurden unterirdische Läden eingebaut.

Am 15. März 1928 wurde dann der Tunnel im Beisein des Berliner Stadtbaurates Dr. Adler und des Präsidenten der Reichsbahndirektion Berlin, Dr. Stapff, nach nur gut halbjähriger Bauzeit eröffnet. Die reinen Baukosten des Tunnels betrugen ca. 550.000 Reichsmark. Da für den Bau ein Kredit aufgenommen werden musste, erhöhten sich die von Elscher aufzubringenden Finanzmittel letztendlich auf ca. 1 Million Reichsmark.

Bau und Eröffnung des Tunnels befriedigten durchaus die von Elschner in ihn gesteckten Erwartungen; er und sein Hotel waren dadurch zu einem wichtigen Gesprächsthema in der Stadt geworden. Die weiteren verkehrlichen Erwartungen in den Tunnel erfüllten sich jedoch nicht. Im Februar 1930 schrieb Elschner an die Reichbahn: „Der Tunnel selbst ist ja insofern leider als ein Fehlschlag zu bezeichnen, als eine Benutzung so gut wie gar nicht stattfindet.“ Auch die Läden im Tunnel erwiesen sich als nicht vermietbar. Nur ein Blumenladen mietete im Mai 1928 einen der drei Läden, musste aber bereits nach drei Monaten wieder aufgeben.

In den Zeiten der Wirtschaftskrise rächte sich nun der leichtfertige Vertragsabschluß zu einer Zeit, als die Nutzungsgebühren leicht zu erwirtschaften waren. Die 10.000 RM, die pro Jahr an die Reichsbahn zu zahlen waren, konnte Elschner nur mit Mühen und Verspätung aufbringen. Bereits 1931 spielte Elschner mit dem Gedanken, den Tunnel wieder zu schließen. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Reichsbahn konnte Elschner das jährliche Nutzungsentgelt ab dem Jahr 1935 schließlich auf 2.500 RM drücken.

Anfang Juli 1934 führte die Reichsbahn in diesem Zusammenhang die einzige bekannte Zählung der Tunnelnutzer durch. Am 5.Juli waren es 82 Reisende, am 6. Juli 130 Reisende und am 7. Juli 1934 129 Reisende.

1936 hatte sich die Finanzlage Elschners offensichtlich entspannt, denn er konnte wieder investieren. So verlängerte er den Tunnel auf seinem Grundstück auf eine Gesamtlänge von 350 Meter. Der Tunnel führte nun unter dem gesamten Hotel hindurch bis in den Gebäudeteil an der Anhalter Straße. Für diese Verlängerung waren zahlreiche Umbauarbeiten im Kellergeschoss des Hotels und an den dort untergebrachten technischen Einrichtungen notwendig.

Sogar für die Läden im Tunnel fand sich 1938 überraschend ein Mieter: die Deutsche Reichsbahn. Da die Fahrkartenausgabe im Anhalter Bahnhof umgebaut wurde, benötigte die Reichsbahn Ersatzräumlichkeiten, die sie im Excelsiortunnel fand. Bis November 1942 blieb sie Mieterin der Räume.

Zwischenzeitlich wurden sowohl Elschner als auch Reichsbahn am 12. Dezember 1939 vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt (Luftschutzraumbau, Baustab Langer) darüber unterrichtet, dass der Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe angeordnet habe, dass auch der Excelsiortunnel zu einem öffentlichen Luftschutzraum ausgebaut werden sollte. Der Entwurf für den Umbau war bereits fertig ausgearbeitet. Auch nach dem Ausbau sollte der Tunnel weiterhin für die Hotelgäste nutzbar sein. Die Breite der Türen war so bemessen worden, „daß die Türen auch von Personen, die Gepäckstücke in jeder Hand tragen, ungehindert durchschritten werden können.“ Schwellen sollten durch transportable Rampen ausgeglichen werden.

In Aktenvermerken der Reichsbahndirektion Berlin vom 15. April 1940 und vom 22. August 1941 wurde festgehalten, dass mit dem Umbau noch nicht begonnen wurde. Eine weitere Aktennotiz vom 17. April 1942 beschloss dann offensichtlich endgültig dieses Kapitel: „Nach fernmündlicher Feststellung bei der Stadt (Oberbaurat Marien) ist die Verwendung des Excelsiortunnels als öffentlicher Luftschutzraum aufgegeben worden.“

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„Warmer“ und „kalter“ Abriss

Im April 1945 wurde die Gegend um den Anhalter Bahnhof stark bombardiert, und in der Folge standen an der von den Nationalsozialisten in Saarlandstraße umbenannten Königgrätzer Straße nur noch Ruinen. Auch das Hotel Excelsior brannte aus und wurde komplett zerstört. 1954 wurden die Ruinen des Hotels abgetragen und 1967 bis 1972 an der Stelle des Hotels ein Neubau mit Wohnungen, Geschäfts und Gewerberäumen errichtet. Auch am anderen Tunnelende schwand dessen ehemalige Funktion. 1952 wurde der Verkehr vom und zum Anhalter Bahnhof, der im Krieg stark beschädigt worden war, eingestellt.

Der Wert der Architektur des durchaus noch rekonstruierbaren Bahnhofs wurde in den 1960er Jahren komplett falsch eingeschätzt. Die Teile des Bahnhofs, die der Krieg verschonte, fielen der Abrisspolitik der Nachkriegszeit zum Opfer. Der so dauerhaft nutzlos gewordene Excelsiortunnel wurde erst Mitte der 1980er Jahre im Zuge von Straßenbauarbeiten abgetragen.

Hinweis 

Dieser Artikel erschien in der Schattenwelt, Ausgabe 4/2006.

Autor: Axel MauruszatStand: 16.12.13 Seitenanfang