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Erfolg am Friedrichshain Einstieg in die Ruine des Flakturm Friedrichshain

Ein Berg in Berlin hatte es uns schon lange angetan – der „Mont Klamott“ im Volkspark Friedrichshain. Ich vermag mich zu erinnern, schon im Jahr 2001 mit einigen Vereinsmitgliedern der AG Bunker & Luftschuztanlagen zusammengesessen zu haben. Wir knobelten daran, wie es gelingen könnte, ins Innere des zweiten Berliner Flakturmes, besser gesagt, in dessen Ruine hineinzugelangen. Aufgrund der Aktivitäten, die sich an und um die Flakturmruine im Humboldthain entwickelten, mußte diese Idee jedoch erst einmal nach hinten gestellt werden.

Im Herbst 2004 bot sich dann eine einmalige Gelegenheit. Im Zusammenhang mit einer geplanten Dokumentation über den Verein schlug ich dem zuständigen Regisseur Peter Prestel vom ZDF, der die Sendereihe „Abenteuer Wissen“ betreut, vor, hier einen Einstieg zu wagen. Die Vorbereitungen dafür starteten bereits im September. Erst einmal war es nötig, die offiziellen Genehmigungen vom zuständigen Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg einzuholen, wobei uns das ZDF gut unterstützt hat. Als diese vorlagen, konnten wir uns mit der eigentlichen Planung befassen. In mehreren Gesprächsrunden entschieden wir uns für einen Einstiegsversuch am Nord-West-Turm, der in Richtung Märchenbrunnen liegt. Der Flakturm Friedrichshain wurde im Mai 1946 von Pionieren der sowjetischen Streitkräfte gesprengt. Wie bei den anderen Flaktürmen klappte es auch hier nicht sofort. Der erste Sprengversuch schlug fehl, und erst beim zweiten Anlauf ging der Betonkoloss in die Knie. Er brach in der Mitte förmlich auseinander. Von 1947 an bis 1950 wurde dann die Bunkerruine mit hunderttausenden von Kubikmetern Trümmerschutt bedeckt, nur noch die schrägliegende Plattform von Turm IV sowie ein kleines Stück der südwestlichen Fassadenspitze ragen heute noch aus dem Berg heraus.

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Vorbereitung und Beginn der Grabung

Mehrere historische Fotografien haben uns bei der Auswahl des möglichen Einstieges geholfen. Zuerst favorisierte Charlie einen Grabungsversuch an einem Zugang zum Turm III von der unteren Plattform aus, ähnlich unserem Zugang in den Flakturm Humboldthain. Allerdings hätten wir hier in mühseliger Handarbeit einen etwa sechs Meter tiefen Schacht abteufen und diesen zur Sicherung entsprechend mit Bauholz absteifen müssen. Ein Einstiegsversuch in das ehemalige fünfte Obergeschoß, der eine nicht so tiefe Baugrube erfordert hätte, wurde ebenfalls verworfen. Aufgrund der Grundrißkenntnisse vom Humboldthain und der Begutachtung der Fotografien war davon auszugehen, daß das ehemalige zentrale Treppenhaus so vollständig mit Schutt aufgefüllt ist, daß ein Durchkommen in die tiefer gelegenen Etagen nicht möglich sein würde. Schließlich regte ich an, es über den Schacht des Munitionsaufzuges zu versuchen. Diese Idee wurde schließlich von allen begrüßt, denn wir hatten am Flaktum Humboldthain genügend Erfahrung mit dem dort beräumten Aufzugsschacht sammeln können. Zudem konnten wir uns eine Menge Bauholz für die nötigen Absteifungen sparen, da wir auf diese Weise vier sichere Seitenwände aus Stahlbeton hätten. Gesagt, getan – am Montag, den 1. November 2005 war es soweit. Unser Hausschlosser Torsten Köpp hatte sich dankenswerterweise bereit erklärt, den Bagger zu fahren, der pünktlich um 9.30 Uhr angeliefert wurde. Die Grabungsstelle wurde bereits in der vorangegangenen Woche eingemessen, so daß die Einfassung des Munitionsaufzuges schon nach knapp zwei Stunden Baggerarbeit erreicht werden konnte. Um die Baustellenlogistik kümmerte sich Holger, der – an seiner Schulter etwas gehandicapt – vom Büro aus die Koordinierung der Baustelleneinrichtung leitete und selbst nicht mitgraben konnte.

Es war eine echte Freude, dabei zuzuschauen, wie schnell mit Hilfe von Großgerät die Schachtungsarbeiten voranschritten. Charlie und Alexander fachsimpelten darüber, wie lange es wohl manuell mit Schippe und Spaten gedauert hätte. Mehrere Wochen wären wohl verstrichen, aber mit dem Bagger konnte mit einsetzender Dämmerung schon am ersten Tag das Ziel erreicht werden. Als erstem fiel Charlie die Ehre ZU, einen Blick ins Innere des Flakturms zu riskieren. In der knapp fünf Meter tiefen Grube robbte er sich unter der erreichten Abschlußdecke hindurch ins Innere und kam nach wenigen Minuten wieder völlig begeistert heraus. Als nächster brachte Jan die ersten fotografischen Eindrücke mit nach oben. Auf einem Bild konnte man eine Art Girlande erkennen: wohl aus Blechdosen ausgeschnittene Buchstaben, die den Schriftzug „Welcome home“ trugen. Eine Hinterlassenschaft der Trümmerarbeiter, so vermutete ich. Wir beschlossen gegen 20.00 Uhr, die Baugrube zu sichern und fieberten dem nächsten Tag entgegen.

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Zwei Jahre zu spät...

Nachdem am Dienstag die Absperrungen beseitigt waren, stiegen Reiner und Charlie gemeinsam in die Anlage ein. Nach wenigen Minuten allerdings die herbe Enttäuschung – wir waren nicht die ersten! So mußte sich wohl auch der Brite Robert Scott gefühlt haben, als er mit seinem Team einige Wochen nach Roald Amundsen am 17. Januar 1912 den Südpol erreichte und die norwegische Flagge vorfand. Statt einer Flagge fand unser Grabungsteam ein Begrüßungsschreiben vor, gerichtet an Reiner Janick, dessen Inhalt hier ruhig wiedergegeben werden darf:

„Sehr geehrter Herr Janick, als wir Ihren Beitrag über diesen Flakturm in der Spiegel-TV-Reportage zum Thema „Bunker in Berlin‘ sahen, haben wir uns von Ihrer Begeisterung anstecken lassen. Von Ihrem symbolischen Spatenstich ermutigt, griffen auch wir zu Spaten und Eimer. Wir haben immer gedacht, wir würden Sie vielleicht mal hier unten treffen. Da Sie aber nicht aufgetaucht sind, haben wir die Anlage wieder verschlossen und uns einem neuen Projekt zugewandt. Wir wünschen Ihnen noch viel Spaß und lassen Sie sich nicht erwischen. Mit freundlichen Grüßen...“

Aus einem zweiten, gegen die Feuchtigkeit einlaminierten Dokument konnten wir auch in Erfahrung bringen, wann es der unbekannten Grabungsgruppe gelungen ist, in den Friedrichshain hineinzukommen:

„Wir haben in einer Regennacht am 23.07.02 mit dem Bau des Tunnels begonnen. Am 27.10.02 sind wir das erste Mal in den fünften Stock gelangt. Der Übergang zum vierten Stock entstand zwischen dem 2.12.02 und dem 25.1.03.“

Wir waren also zwei Jahre zu spät gekommen! Alle Anwesenden unserer Gruppe, darunter auch Felix, Kerstin und Egbert, zogen ihren Hut ab vor dieser Leistung. Besonders beachtenswert war die Tatsache, daß die Unbekannten einen Übergang vom fünften ins vierte Stockwerk gegraben hatten, wofür eine kleine Deckenöffung, die unter ca. zwei bis drei Meter Trümmerschutt verschwunden war, gefunden und freigelegt werden mußte. Noch erstaunlicher war für uns die Tatsache, daß aber auch rein gar nichts über das Projekt der Tunnelgäber bekannt wurde, weder im Internet noch über andere Quellen. Eine wirklich saubere, sportliche und anerkennenswerte Arbeit, wie wir gemeinsam feststellen mußten. Vielleicht melden sich die Unbekannten ja einmal zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch bei uns? Das würde uns jedenfalls sehr freuen. Nachdem wir diesen Schock und unsere leichte Enttäuschung überwunden hatten, ging es nun aber auch für den Rest von uns in die Tiefen des Berges. Wie wir bald feststellen konnten, ist die Anlage seit ihrer Einschüttung nicht mehr offiziell betreten worden, abgesehen von unseren Unbekannten natürlich. Beachtliche Dimensionen öffneten sich. Die Decken der leichter begehbaren Etagen hatten allesamt einen besseren Zustand als die durchhängenden Zwischendecken im Humboldthain; auch die Tropfsteinformationen waren beeindruckend. Sogar über eine Entfernung von bis zu sechs Metern zusammengewachsene Stalaktiten und Stalakmiten waren zu entdecken. Durch die Sprengung sind alle Bunkerteile in Schieflage geraten. Alle Expeditionsteilnehmer hatte arge Schwierigkeiten mit der Orientierung, als es durch schrägliegende Korridore und Treppenhäuser ging, die Stalaktiten aber gerade von der Decke hingen. Das brachte den Gleichgewichtssinn ganz schön durcheinander.

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... dennoch ein voller Erfolg

Je tiefer es nach unten ging, um so stärker waren dann die Etagen von der Sprengung in Mitleidenschaft gezogen. Ganz unten fiel es sogar den einschlägigen Bunkerexperten schwer, noch festzustellen, ob es sich nun um Teile des ehemaligen Erdgeschosses, des ersten oder zweiten Stockwerks handelt. Als eine der Überraschungen entdecken wirnoch die 12 cm starken Stahltore an der ehemaligen Hauptzufahrt der Anlage, die nicht mehr von Schrotthändlern geborgen worden waren. Nun wurde uns allen klar, daß die Türen der Großbunker vor der Sprengung zur Verdämmung des Explosionsdruckes geschlossen wurden. Eine der Forschungsrouten führte mich, Reiner und Charlie dann hinüber in den abgesprengten Turm II, der nur über eine lange und komplizierte Kriechstrecke zu erreichen war, wohl aber zu meinem schönsten und eindrucksvollsten Erlebnis im Friedrichshain zählt. Charlie hat hier noch altes Militärspielzeug entdeckt, und wir konnten gemeinsam zwei Türriegel einer Stahltür bergen, die wir unseren Besuchern im Flakturm Humboldthain zeigen werden. Auch das uns begleitende Fernsehteam ist wohl ganz auf seine Kosten gekommen. Die Aufnahmen sollten im März 2005 über die Mattscheibe flimmern. Wir alle durften also nochmals gespannt sein und sind, als es schließlich soweit war, keineswegs enttäuscht worden.

Am Mittwoch dann traf hoher Besuch ein. Professor Mengin, der Direktor des Berliner Museums für Vor-und Frühgeschichte, besuchte unsere Baustelle, gab dem Filmteam des ZDF ein Interview und sparte dabei nicht an Lob für unseren Verein. Sein feiner Zwirn ließ allerdings keinen Einstieg zu. Er kam direkt von einem Empfang der Queen zu uns. Auch der Leiter des zuständigen Grünflächenamtes, Herr Klees, zeigte sich von den Dimensionen mehr als beeindruckt. Er wußte gar nicht, welche riesigen Hohlräume sich unter seinem Berg noch befinden. Das Gute aber an dieser Begegnung war – ich konnte ihm die Zusage für einen erneuerten Einstieg entlocken. Da wir nun die Gefahren und Risiken kennen und abschätzen können, wollen wir einen erneuten Einstieg planen, um weiteren interessierten Vereinsmitgliedern einmal die Gelegenheit zu geben, in den Berg zu gelangen.

Wir möchten an dieser Stelle herzlich dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für die Unterstützung und Genehmigung zu dieser Expedition danken und freuen uns auf ein Wiedersehen mit dem Friedrichshain – und vielleicht treffen wir dabei ja auch die unbekannten Tunnelgräber!

Hinweis 

Führungen durch die Ruine des Flakturm Humboldhain ( Tour 2) sind zwischen April und einschl.Oktober möglich.

Autor: Dietmar ArnoldStand: 16.07.07 Seitenanfang