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Einmal um die Welt Von Kanada nach China und zurück nach Europa

An dieser Stelle sollte eigentlich ein ausführlicher Bericht folgen über den Untergrund und über ein Projekt mit dem Namen: „Earth Sheltered Community Design“. Dieses behandelt alle Aspekte einer menschlichen Gemeinschaft, die weitgehend unter der Erde lebt bzw. in höhlenähnlichen Gebäuden, die in Hügel eingelassen sind. Dieses Projekt ist Ende der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre an einer amerikanischen Universität Gegenstand der Forschung gewesen. Es spielte erstaunlicherweise nicht so sehr mit der – zu dieser Zeit noch allgegenwärtigen – Kriegsangst, sondern betrachtete unterirdisches Wohnen unter dem Gesichtspunkt möglicher Energieeinsparung. Selbst die Wörter naturangepasstes Wohnen und minimierter Flächenbedarf kommen in der Projektbeschreibung vor.

Dieser Artikel muss aber leider bis auf weiteres noch verschoben werden. Ich habe durch Zufall in einem Antiquariat in der Ville de Québec (Kanada) einige Bücher zu diesem Thema gefunden, die in diesem Artikel mit vorgestellt werden sollen. In Abbildung 1 ist der Grundriss eines Hauses zu sehen, welches in Armington, Illinois (USA) realisiert worden ist. Das Haus ist auf einen minimalen Wärmeverlust hin optimiert worden. Nach Aussage des Erbauers (und der Bewohner) beträgt er jetzt allenfalls 2° Celsius pro Tag (Temperaturdelta = 35K) bei abgeschalteter Heizung und Betrieb mit Kamin. Beim Haustyp 2 (St. Paul, Minneapolis) handelt es sich um ein Reichenmittelhaus in zweigeschossiger Bauweise. Beide Bauten verfügen über ca. 200 Quadratmeter an Wohnfläche. An diesen Häusern kann man schon sehr deutlich die unterschiedliche Sichtweise erkennen, welche die beide Entwürfe repräsentieren. Zum einen ein Rückzug in ein höhlenartiges Wohnen mit wenig Fensterfläche, aber einem hohem Flächenbedarf. Im zweiten Fall eine Verlagerung des Hauses in den Hügel, bei kleinerem Flächenbedarf, unter Beibehaltung des Komfortmerkmals: „Licht in allen Räumen“.

Warum aber eine Überschrift „Einmal um die Welt“? Ich möchte den Leser nun mitnehmen von Nordamerika nach Kanada. Dann folgt ein kurzer Sprung nach China, und schließlich geht es wieder zurück nach Europa, genauer gesagt nach Nottingham in England.

Direkt zum Thema
8280_Qubec

Québec

Im Herbst 2004 war ich in Kanada. Genauer gesagt in der Provinz Québec, einem sowohl englisch, vor allem aber französisch geprägtem Gebiet. Neben einer wunderschönen Landschaft zur Herbstzeit (dem weltberühmten „Indian Summer“) gibt es dort auch Unterirdisches zu entdecken. In den nord-östlichen Gebieten Kanadas sind Temperaturen von Minus 30 Grad Celsius im Winter keine Seltenheit. Gepaart mit stetigen Winden und einer relativen Luftfeuchtigkeit von bis zu 60 Prozent ist das eher eine unangenehme Witterung. Als Dreingabe gibt es von Mitte Oktober bis weit in den April hinein Schnee in mehreren Metern Höhe. Bei diesen Verhältnissen ist ein Aufenthalt im Freien nur warm eingepackten Menschen und Tieren zu empfehlen.

Aus diesem Grund sind in allen größeren Städten Kanadas die wichtigsten Gebäude unterirdisch miteinander verbunden. In der Stadt Ville de Québec beispielsweise das gesamte Universitätsgelände. Für die etwa 20.000 Stundenten gibt es ca. vier Kilometer unterirdische Gänge. Ich halte diese Angabe für leicht übertrieben, die Größenordnung ist aber schon recht beeindruckend, da es sich um ein recht kompaktes Gelände mit dichter 4- bis 5-stöckiger Bebauung handelt. Begibt man sich in den Keller eines Gebäudes, fällt der erste Blick auf einen der großen Orientierungspläne. Die verschiedenen Fakultäten sind farbig markiert, sodass man sich mehr oder minder immer in einer Farbzone bewegt. Man kann sich das ähnlich den Waben des Berliner Nahverkehrs vorstellen.

Nahverkehr findet dort unten auch statt, und zwar in Form von kleinen, elektrisch angetriebenen Wagen, die mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit durch die Gänge flitzen und Material transportieren. Die Chancen, auf einem der Wagen mitgenommen zu werden, tendieren für männliche Wesen gegen Null. Sämtliche Beifahrerplätze sind von attraktiven jungen Damen belegt; und dass, obwohl Kanada eines der weltweit schärfsten Frauenschutzrechte hat. Mein Eindruck war der, dass es den Fahrern und Fahrerinnen einen Höllenspaß machte, den Tunneleffekt „erfahren“ zu wollen.

Nachdem wir uns orientiert hatten, liefen wir los. Die Gänge sind zwischen zwei und drei Meter breit, drei bis vier Meter hoch und im Boden mit Wasserabläufen versehen. Die quadratischen Betongänge haben auf der einen Seite in Bodennähe die Versorgungsleitungen für Wasser, Gas, Strom, Computernetzwerke etc. Generell sind die Wände in Felder eingeteilt, die von verschiedenen Gruppen bemalt werden. Mir haben Studenten erzählt, dass jedes Jahr die schlechtesten Motive von einer Jury ausgewählt werden, um diese zum Überstreichen oder zum Besprayen freizugeben. Mit dieser Methode wird für eine gewisse Qualität gesorgt, da ja jeder sein Motiv möglichst lange an der Wand sehen will.

An der ersten Kreuzung angekommen, erwartete uns als Unkundige das erste Problem. Leider hatte ein Scherzkeks die Markierung mit dem Standpunkt verschoben, und wir waren plötzlich ganz woanders als gedacht. Für den Neuling ergaben sich daraus jetzt mehrere Möglichkeiten: Er folgte seiner Intuition oder dem schönsten Graffiti an der Wand. Ich empfehle, einfach so lange zu warten, bis einer der hilfsbereiten Kanadier um die Ecke kommt und diesen dann zu fragen. Auf diese Weise erfährt man auch gleich, wo der kürzeste oder interessanteste Weg ist. Es gibt aber nicht nur die besagten rechteckigen Tunnel, sondern auch die „klassischen“ zusammengestreckten aus gewelltem Blech. Egal, welche Form sie haben: Schön sind sie nicht, aber sie erfüllen ihren Zweck bestens.

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Montréal

Unterirdisch interessanter ist die Stadt Montreal. Die Stadt selbst ist etwas amerikanischer als Québec, es gibt mehr Hochhäuser und Fast-Food-Ketten. Entschädigt wird man durch eine sehr aktive Kunst- und Musikszene, auch die Second-Hand-Läden und -Märkte lohnen sich.

Begeben wir uns aber abwärts. Im Innenstadtbereich sind alle Einkaufszentren durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Das ergibt eine Gesamtlänge von ca. 30 Kilometern. Die Verbindungsgänge sind langweilig gefliest, bestehen aus Sichtbeton oder sind einfach nur gestrichen. Erstaunlicherweise sind sie fast frei von Abfall, Graffitti und auch die Geruchsbelästigung hält sich in Grenzen.

Auf der Abbildung 3 kann man gut erkennen, wieviele Möglichkeiten es gibt, sein Geld loszuwerden. Jeder graue Kasten ist ein Einkaufszentrum. Die Ausdehnung des Einkaufszentrums an der U-Bahnstation Atwater entspricht ungefähr der des Gesundbrunnencenters. In der Etage zwischen U-Bahn und Straße befinden sich ein oder zwei Parketagen für Autos. Beeindruckend ist das ganze eigentlich nur durch seine Größe und Zweckmäßigkeit, nicht durch die Architektur oder Originalität der Geschäfte.

Die U-Bahn ist der in Paris sehr ähnlich. Das bedeutet, sie läuft auf Gummireifen und hat die typischen Alsthom-Wagen im Plastikdesign und ohne Durchgang zum nächsten Wagen. Die Abbildung 4 gibt einen Überblick über das Metronetz der Stadt. Beachtlich ist dabei die Überwindung eines Höhenunterschieds von 42 Metern im Streckennetz. Alle Stationen liegen zwischen 5 und 15 Metern unter der Erde.

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Xi’an

Verlassen wir nun Kanada und bewegen uns in Richtung Westen, bis wir in Zentralchina landen, in Xi’an. Bekannt ist die sechs Millionen Einwohner zählende Stadt vor allem durch seine Terrakotta-Krieger, die auf Veranlassung des Kaisers Qin Shi Huangdi (259 bis 210 v. Chr.) entstanden sind. In seinem Testament hatte er verfügt, dass seine Nachfolger eine Arme aus Ton-Kriegern erstellen und eingraben sollen. Dieser Befehl wurde auch tatsächlich ausgeführt. So fanden in einem 580 x 135 Meter großen Grab 7000 Soldaten, 350 Wagenpferde, 116 Reitpferde und 89 Kampfwagen in drei Grabfeldern ihre letzte Ruhe. Diese Armee repräsentierte die Macht des Kaisers, die auch über seinen Tot hinaus wirken sollte. Bis ins Jahr 1974 waren sie gut verborgen im Untergrund; und es gab nur Gerüchte über etwas, was sich unterhalb der Äcker der Bauern befinden sollte.

Diese Gerüchte sind hauptsächlich dadurch entstanden, dass gelegentlich Tonscherben aufgetaucht sind. Eine systematische Suche hat es nicht gegeben. Im Nachhinein kann man nur sagen: Gott sei Dank! Denn was während der chinesischen Kulturrevolution mit diesem beeindruckendem Erbe geschehen wäre, möchte ich mir nicht wirklich vorstellen. Trotz der teilweisen Zerstörung durch nachfolgende Herrscher ist dieses Grabfeld das beeindruckendste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Ich kann nur jedem empfehlen, in die Wanderausstellung zu gehen, die in regelmäßigen Abständen auch durch Deutschland tourt. Dort gibt es zwar nur 1:1-Kopien zu sehen. Aber auch diese sind so beeindruckend, dass viele unserer neuzeitlichen Bauleistungen in Europa dagegen doch sehr blass erscheinen. Das Bild 6 zeigt einen kleinen Ausschnitt dieser zwei Meter großen und 200 Kilogramm schweren Figuren.

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Nottingham

Nun zurück nach Europa. Vor drei Jahren war ich beruflich einige Wochen in der Nähe von Nottingham beschäftigt. Als begeisterter „Industrieruinenjäger“ sollte das ehemals eiserne Herz (Manchester-Nottingham-Birmingham) der Insel ein wahres Eldorado sein.

Also auf eigene Faust mit dem Auto über Land gekurvt, es muss ja von den ehemals 200 Kohlebergwerken noch Reste geben. Zumindest aber Abraumhalden, Verladeeinrichtungen und ähnliches. Nach einigen vergeblichen Anläufen fand ich einen gesprächsbereiten Herren, Mitte fünfzig. Mit ihm bin ich zu einem alten Bergwerk gefahren. Oberirdisch konnte man nur noch einen teilweise bereits abgerissenen Förderturm erkennen und einige Gleise. An eine Besichtigung des Untergrundes war nicht zu denken. Ein Bekannter von ihm bewachte das Gelände, so war also wenigstens die Zutrittsfrage schon einmal gelöst. Wobei man sich das so vorstellen muss, dass mitten in der Landschaft ein niedergetretener Zaun und ein altes vergilbtes Schild mit der Aufschrift: „Betreten verboten!“ liegt. Also nicht wie bei uns: Zäune und Schilder an jeder Ecke. An sich ja auch kein Problem, doch gibt es hier die gleichen Fallen wie in Polen: Offene Schächte. Fast wäre ich auch in einen mehrere Meter hinab gestürzt. Der Wächter erzählte mir, dass er früher einmal hier gearbeitet hat und nun der letzte vor Ort wäre. Er reißt also im Grunde genommen seinen eigenen Arbeitsplatz mit ab. Von seinen ehemaligen Kumpeln hat kaum einer wieder Arbeit gefunden. Die meisten sind mit Staatsgeldern in den Vorruhestand gegangen. Diese Geschichte kam mir irgendwie bekannt vor.

Wir liefen etwas über das Gelände, und er erklärte mir den Aufbau der Anlage. Da die Dämmerung einsetzte, mussten wir unseren Ausflug auch bald schon beenden. Im Dunkeln traute selbst er sich nicht auf das Gelände abseits der befestigten Wege.

Am nächsten Wochenende ging es dann in die Nottingham Caves. Diese zu finden, gar nicht so einfach. Sie sind inzwischen von einem Einkaufszentrum überbaut und der Eingang befindet sich in einer Ecke zwischen Ramschläden. Entstanden ist das Höhlensystem ab dem Jahr 1250. Diese Höhlen sind als Wohnungs- und Arbeitstätte in einen Hügel aus Sandstein gegraben worden. Im Mittelalter waren sie dann Herberge für Färber- und Gerbereien. Man kann sich den beißenden Geruch nur schwer vorstellen, der hier geherrscht haben muss.

Im Laufe der Jahrhunderte ist die gesamte Altstadt durchlöchert worden, jede Kneipe und jedes Geschäft hat sich sein Kellerraum geschaffen, sodass am Ende fast 400 unterirdische Räume zur Verfügung standen. Dass dabei nicht alles legal zuging, war klar. Aus diesem Grund gab es eine eigene Verordnung die den Zugang zu diesen unterirdischen Räumen für die Polizei regelte. Im Zweiten Weltkrieg ist dann eine kleiner Teil zu Schutzplätzen für ungefähr fünfhundert Personen ausgebaut worden. Bei dem Teil, der heute zu besichtigen ist (eine Führung dauert ca. 45 Minuten) erwartet dem Besucher folgendes: Eine kleine Ausstellung zum Thema Leben im Bunker, historische Bottiche zum Färben und einige kleine Kammern, in denen die Schornsteinfeger gelebt haben. Im Spätmittelalter waren Schornsteinfeger meist Kinder und Jugendliche, diese hatten weniger Angst vor der Höhe und waren natürlich billiger und williger. Die Krankheits- und Unfallrate war sehr groß. Schätzungen besagen, dass ¾ aller Schornsteinfeger nicht einen normalen Gesundheitszustand hatten und die Arbeit deshalb vorzeitig aufgegeben mussten. Ein Teil dieser ¾ hatte die Möglichkeit, in diesen tristen unterirdischen Behausungen zu leben. Die Einrichtung bestand aus einen Stuhl, einem sehr schmalem Tisch und einem Bett. Nach vorne war diese Kammer offen, so dass es keine Privatsphäre gab. Die größeren Kammern hatten einen Karmin bzw. eine Kochstelle. Abgeschlossen wird der Rundgang mit einem historischen Abriss und einer geologischen Darstellung des Höhlensystems.

Alles in allem ist mein Gefühl sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite muss Platz für Neues geschaffen werden – auf der anderen Seite scheint England etwas zu sehr auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Viktorianische Epoche fixiert zu sein. Gerade die Industriegeschichte und die sozialen Lebensbedingungen scheinen noch keine große Rolle im Bewusstsein zu spielen. In den letzten Jahren ist aber eine Tendenz zu erkennen, derzufolge es mehr und mehr Fördervereine gibt, die sich um den Erhalt von (unterirdischen) Anlagen als kulturelle Denkmäler des Landes bemühen.

Autor: Stefan GierStand: 06.04.10 Seitenanfang