Neben den offiziellen Verkehrswegen durchzogen Grenzbahnhöfe und Geisterstationen den Berliner Untergrund. Ein Spaziergang in die Tiefen der vormals geteilten Stadt.
Der Verein „Berliner Unterwelten“ will die verborgenen Aspekte einer vormals geteilten Stadt sichtbar machen. Seit 1997 verfolgen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dieses Vereins das Ziel, Spuren der jüngeren Geschichte inmitten und vor allem unterhalb Berlins freizulegen. Dies geschieht in emanzipativer Absicht: Die SED-Funktionäre waren sehr darauf erpicht, jeglicher „Wühltätigkeit den Weg zu verlegen“. Der Verein will diesem Verbot nicht das letzte Wort überlassen. Die Besichtigungstouren der „Berliner Unterwelten“ erzählen folglich Gegen-Geschichten zur offiziellen Geschichtsschreibung der einstigen Diktatur.
An nahezu jedem Wochentag organisieren die Mitglieder des Vereins Führungen durch die Dunkelzonen des Stadtgebiets. Die Fremdenführer und Fremdenführerinnen der etwas anderen Art konzentrieren sich bei ihren Exkursionen auf nur bedingt oder erschwert betretbare Areale der Stadt. Die Palette an angebotenen Führungen umfasst Erkundungen jener Orte an der Berliner Mauer, die zu Fluchtzwecken einst untertunnelt wurden; aber auch das seit 1865 bestehende und von 1949 bis in die frühen 1960er Jahre im Westteil der Stadt benutzte Rohrpostsystem, die über Berlin verteilten Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und dasderzeitige Abwassersystem werden besichtigt.
Seltener beginnen die Führungen an der Erdoberfläche. Besichtigen kann man im Rahmen der überirdischen Touren die Rudimente der von den Alliierten gesprengten Flaktürme im Berliner Humbolthain sowie das dazugehörige Areal an Schutt, das seit den 1950er Jahren kontinuierlich abgetragen wird.
Dass es neben Bunkeranlagen und anderen Kriegsarchitekturen im Berliner Untergrund auch Brauereien gab, mag vorerst erstaunen. Dennoch wurden bereits zur Mitte des 19. Jarhunderts in bis zu 20 Metern Tiefe die Gär- und Lagerkeller der Bierbrauerdynastien errichtet, die aufgrund des hohen Grundwasserspiegels im Stadtgebiet an den Rand von Berlin verlagert werden mussten. Auf ebener Erde waren die speziellen Temperaturen und Lagerungsbedingungen, die etwa das edle Weizen benötigt, nicht zu erzielen.
Bereichert wird das von den „Berliner Unterwelten“ angebotene Programm durch Spezialführungen: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten von den Mauerschüssen; Fluchthelfer und -helferinnen erzählen ebenso von ihren Erfahrungen wie „Republikflüchtlinge“, die in den Gefängnissen der Stasi nicht selten schwerer Folter ausgesetzt waren, wenn ihre Fluchtversuche scheiterten. Im Rahmen von Aufführungen eines durch den Verein begründeten „Dokumentartheaters“ erhält die Vergangenheit über den Umweg ihrer theatralischen Rekonstruktion neue Präsenz.
Aber nicht nur die „Geister“ der Vergangenheit werden auf diese Weise zu neuem Leben erweckt, sondern auch ihre Verkehrsmittel: In Berlin gibt es eine U-Bahnlinie, die von 1961 bis 1989 offiziell nicht existierten durfte. Die Züge der heutigen U8, deren Gleise das Stadtgebiet von Berlin horizontal durchschneiden, passierten die Sektorengrenze am Ort des heutigen U-Bahnhofes Moritzplatz sowie unweit des nahe gelegenen Grenzübergangs Bernauer Straße gleich an zwei Stellen. Die Berliner Bevölkerung wurde während der Zeit der Teilung der Stadt in Unwissen über den kontinuierlichen Verkehr der vormaligen U-Bahnlinie D gehalten.
Lediglich das in unregelmäßigen Abständen wahrnehmbare leichte Vibrieren des Bodens ließ einige Anrainer und Anrainerinnen auf die tatsächliche Fortdauer des unterirdischen Gütertransfers aufmerksam werden.
Obwohl alle Eingänge zu den nur vermeintlich stillgelegten Bahnhöfen zugemauert und mit einem Wächterhäuschen für Grenzpolizisten versehen wurden, erkannten einige fluchtwillige DDR-Bürger die strategisch gute Lage von Einstiegsstellen in den Untergrund, die in Nähe der ehemaligen U-Bahnhöfe gelegen waren. Die Kenntnis des Netzes an unterirdischen Tunneln ermöglichte vielen die Flucht in den Westen. So etwa gelang es einem Grenzpolizisten im Jahr 1966, vom Geisterbahnhof an der Bernauer Straße durch einen Tunnel in den französischen Sektor zu laufen.
Ebenso sind mehrere Fälle bekannt, in denen U-Bahn-Bedienstete in die Jacken von Zollbeamten aus dem Westen schlüpften. Das Wissen um das Durchfahren der Geisterzüge bei einem reduzierten Tempo von dreißig Kilometern pro Stunde machten sich diese Flüchtlinge gezielt zunutze: In falscher Uniform sprangen sie auf die fahrenden Züge auf. Über den Umweg eines offiziell betretbaren Bahnhofs an der Klosterstraße organisierte in den 1980er Jahren ebenso ein ehemaliger Bediensteter der Ostberliner Verkehrsbetriebe (BVB) seine Flucht. Durch das Aufbrechen von Verbindungstüren an mehreren Tunneleingängen gelagte der Mann an einen Ausgang, der im Westteil der U8 lag. Mithilfe des Schwenkens einer roten Signallampe gelang es Dieter Wendt, eine U-Bahn an ungewohnter Stelle anzuhalten und gemeinsam mit seinen Angehörigen als blinder Passagier in den West-Sektor zu gelangen.
Wenn der Reisende den Raum einer fremden Stadt betritt, versucht er ja zunächst, sich mittels eines Plans zu orientieren. Der durch die Linien eines Koordinatensystems gerasterte Stadtplan überlässt den Neuankömmling vorerst jedoch einer bedeutsamen Illusion: Der Blick aus der Vogelperspektive suggeriert nicht nur die sofortige Überschaubarkeit des gesamten urbanen Raumes, sondern auch die Möglichkeit seines schnellen Durchschreitens. Geometrische Abstraktionen ermöglichen es, die Stadt ohne Rücksicht auf die Schwerkraft der Materie zu durchwandern, und sie laden dazu ein, dort die schnellste Verbindung zwischen zwei Orten zu sehen, wo realiter gar keine Verbindung existiert. Die Augen erfassen bei ihren Reisen über die Oberfläche aus Papier nur im Ausnahmefall den Maßstab des Plans.
Während die Straßenverläufe am Plan klare End- und Ausgangspunkte haben, endet selbst ein gut geplanter Spaziergang nicht selten in unvorhersehbaren Sackgassen. Obgleich der Plan mithilfe von Ziffern, Farben, grafischen Icons und variierenden Schriftgrößen exakte Wege vorzugeben verspricht, verliert man zu Fuß schnell die Orientierung. Die Weiten, Brachen und Einbahnstraßen einer Stadt stimmen nicht immer mit dem Verlauf der schwarzen Schrift auf gelbem Untergrund überein. Plätze und Gebäude sind nicht dort, wo optische Platzhalter diese am Plan markieren; und die durch grafische Symbole aus dem Straßengeflecht hervorgehobenen Sehenswürdigkeiten sind selbst nach ausgedehnter Suche oftmals nicht in Sicht.
Verlässt der Flaneur bei seinen Erkundungen indes bewusst die vorgezeichneten Pfade, dann ist die Orientierungslosigkeit keine Begleiterscheinung, sondern geradezu der Sinn seines Unternehmens. Mit seinem Versuch, aus vorgefertigten Bahnen auszubrechen, konfrontiert er sich mit all dem, was die Organe des örtlichen Denkmalschutzes niemals als Sehenswürdigkeit eingestuft hätten. So entstehen Expeditionen in Zonen, die nicht einfach nur als nicht sehenswürdig, sondern vom Blickpunkt des Reiseführers geradezu als unsichtbar gelten.
Oftmals ist es nur eine minimale Verschiebung im gewohnten Sichtfeld, durch die Ungesehenes die Wahrnehmungsschwelle erreichen kann. Neben gezielt zum Verschwinden gebrachten Bevölkerungsgruppen ist es vor allem der Bereich des Vergangenen, der, abseits von Monumenten zum Zweck des historischen Gedenkens, beim aktuellen Durchwandern einer Stadt nicht zureichend sichtbar ist.
Bezeichnenderweise beginnen einige Touren des Vereins „Berliner Unterwelten“ vor kleinen Türen in den Zwischengeschoßen von U-Bahnhöfen. Es sind Türen, die kein Stadtplan als mögliche Eingangsstellen zum U-Bahn-Netz vermerkt; Türen, die dem stressgeplagten Passanten beim unbedarften Vorübereilen vermutlich nicht einmal aufgefallen wären; Türen, die jene, die sie öffnen, unversehens zu Zeugen einer anderen Welt machen.
„Unterschreiben Sie das bitte und dann kommen se mal rinn“ , sagte die Führerin, bevor sie die quietschende Metalltür im Zwischengeschoß des U-Bahnhofs Moritzplatz öffnet. Dann betreten wir eine Welt, die mit einigen Bildtafeln und wenigen fluoreszierenden Hinweisen zur Orientierung versehen ist. Es ist eine dunkle Welt im Verborgenen.
Bewegt man sich in dieser, ist ein leichtes Vibrieren zu spüren. Die dazugehörigen Geräusche entstammen einer U-Bahnlinie, die erst seit einundzwanzig Jahren offiziell wieder das gesamte Stadtgebiet von Berlin durchquert.
Barbara Eder
Wiener Zeitung vom 21. Mai 2011
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