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Die Unterwelt kriegt nasse Füße

Berlin, jedenfalls zumindest die Teile der Innenstadt, die nur etwa 30 Meter über dem Meeresspiegel liegen, wurden in Sumpf und Sand gebaut, dazwischen war Wasser. Einige Talsandkuppeln und Moorinseln bildeten den Untergrund, auf den man setzte und auf dem man baute, Jahrhunderte lang. Geschickt wurde es verstanden, die Wassermassen nach und nach zu verdrängen, zu verbrauchen, abzupumpen. Bis in 50 Metern Tiefe gingen die Tiefbrunnen mit ihren Saugern, um den Grundwasserstrom anzuzapfen. Unterschieden wurde zwischen der Hochstadt und der Tiefstadt, präzise Regelungen versorgten beide Stadtgebiete ausreichend mit Wasser, der Grundwasserspiegel war darauf eingestellt, stieg und fiel in harmonischen Grenzen, je nach Jahreszeit und Witterung.

Nachdenklich geworden musste ich aber in einem Fernsehbericht zur Kenntnis nehmen, dass der Grundwasserspiegel in einigen Stadtteilen Berlins ansteigt, und zwar rapide, nicht nur in unmittelbarer Nähe zur Spree. Rund um den Boxhagener Platz (Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg) sind zum Beispiel etwa 100 Häuser davon betroffen. Hauswirte wie Mieter halten für gelegentliche Exkursionen in ihre Kellergänge stets Gummistiefel parat. Eine Einlagerung jeglicher Güter in die Kellerräume auf längere Zeit gesehen ist dort fast unmöglich geworden. Die Eigentümer befürchten bei andauernder Wasserbelastung eine grundsätzliche Beschädigung der Bausubstanz, möglicherweise sogar Einstürze. Angedacht ist daher, dort zunächst einmal 16 Pumpen als erste Gegenmaßnahme zu installieren. Im Rahmen einer Art Wasserwerks-Galerie, die kostenintensiv das Grundwasser in die Spree befördert.

Und so hat das angeblich doch so vorbildliche Wassersparen leider auch manche Nachteile, die irgendwann in höherem, technischem Aufwand münden, der wiederum eines Tages teuer bezahlt werden muss! Noch während meiner aktiven Zeit als Gas-Wasser-Installateurmeister hatte ich immer wieder bemerkt, dass die Spülung, bedingt durch Spareinrichtungen an den Spülkasten der WCs, die Abwasserrohre nicht mehr mit dem erforderlichen Wasserstrom versehen konnte, um die Rohre gründlich zu reinigen und freizuspülen. Auch die Wasserwerke bemerkten eine zunehmende Verschlammung ihrer unterirdischen Pfade, was zur Folge hatte, dass Reinigungstrupps überall vor Ort sein müssen, um die Missstände beim Abfließen zu beheben.

In der Statistik wird das ganz deutlich. Denn dort wird auch registriert, dass der Wasserverbrauch in Berlin seit 1989 um 42 Prozent gefallen ist! Gestiegen aber ist der Grundwasserspiegel in dieser Zeit, und zwar um über einen halben Meter! Alle Wässer, die in Berlin durch den Boden gehen, brauchen rund 30 Jahre (!), um schließlich wieder in den ursprünglichen Grundwasserstrom zu gelangen. Dann aber sind diese Gewässer wirklich sauber und es sind in ihnen kaum noch Reste von Medikamenten oder anderen Verunreinigungen nachweisbar.

Man kann sich ja heute im Supermarkt mit Wässerchen aus aller Welt versorgen, jedoch ist das Berliner Wasser auf seine Weise wirklich einzigartig. Auch die heute vielfach „verteufelten“ Bleirohre – auch sie versorgten immerhin über 100 Jahre lang Millionen von Menschen mit der „klaren Flut, die frischen Mut“ brachte –- konnten dieser Wertschätzung nichts anhaben. Die Rohre sind innen, sofort nach dem ersten Durchfluss von Wasser, mit einer hauchdünnen Oxidschicht überzogen worden, die keinen Kontakt mit dem Metall mehr zulässt. Es sei denn, das Wasser bleibt ungewöhnlich lange in den Leitungen stehen. Bei einem richtigen Durchlauf aber bestand kaum die Gefahr einer Bleivergiftung.

Unser so beliebtes Berliner Bier, unsere Wurst, unser Brot, unser Kuchen, alles basiert eben auf Wasser, dem ureigenen Lebenselixier. Ich hörte, dass sogar ein hochdekoriertes Hotel in Berlin reines Berliner Trinkwasser gratis aus dem Hahn ausschenkt, und dass dieses Angebot auch überaus eifrig nachgefragt wird!

Daher lasset es denn reichlich fließen, denn der Trunk vom Hahn steht dem „eingesperrten“ Wasser in nichts nach. Berlin könnte dann auch wieder trockener werden, meinen die Wasserwerke. Letztlich aber bleiben die Keller und die „Berliner Unterwelten“ begehbar, sonst müssten wir noch unseren Namen ändern und zu den „Berliner Unter-Flüssen“ mutieren.

Hinweis 

Dieser Artikel erschien in der Schattenwelt, Ausgabe 3/2005.

Autor: Ralf RohrlachStand: 28.07.10 Seitenanfang