Himmelsfahrtkirche im Volkspark Humboldthain
Blick auf die Ruine des Flakturm Humboldthain (1953)
In den wilden Wachstumsjahren der Stadt Berlin herrschte außerhalb der Stadtgrenze eine wahre Bauanarchie: nichts war geregelt oder organisiert, kapitalkräftige Städter hatten gerade den Bau von mehrstöckigen „Familienhäusern“ als Goldesel entdeckt. Die Bauordnung von 1853 bestimmte gerade mal die Größe der Hinterhöfe und die Fassadenhöhe. Die aufkommende Industrie forderte jedoch ein Mindestmaß an Infrastruktur, und Baurat James Hobrecht wurde kurz danach beauftragt, für das gesamte Umland der damaligen Stadtgrenze (etwa Linie Torstraße) einen Bebauungsplan aufzustellen.
Die Grundidee Hobrechts war, nicht nur eine große, zentrale Stadt zu bauen, bei der alles ausschließlich auf das Zentrum ausgerichtet ist, sondern einzelne Stadtteile zu schaffen, die wir heute als „Kieze“ beschreiben. Kleine Straßen und Plätze sollten hier das Leben bestimmen, und in jedem dieser Viertel sollte ein „Karree“, also über ein oder zwei Blocks verteilt, ein kleiner Park angelegt werden, in dem die Bevölkerung ihre Erholung finden könnte. Zusätzlich zu Hobrechts Planung wurde von der Stadt beschlossen, in jedem Bezirk einen großen Volkspark anzulegen. Die größten geplanten Parks waren der Friedrichshain, der Humboldthain, sowie der Kreuzberg.
Hobrechts Vision einer sozialen Stadtstruktur sah vor, dass die großen Industriekomplexe außerhalb der Stadt angesiedelt wurden oder zumindest auf eigenen Häuserblocke. Zu den Erholungsflächen heißt es im Bebauungsplan: „Die öffentlichen Plätze sind möglichst gleichmäßig zu vertheilen; sie liegen entweder wie die Bauviertel zwischen den Straßen, oder da, wo Hauptstraßen zusammentreffen, und sind am nutzbarsten, wenn sie zur Seite einer Hauptstraße liegen. Was ihre Form betrifft, so erscheinen die rechteckigen als die nutzbarsten (...) Die Plätze müssen öffentlichen Anlagen dienen, für öffentliche Gebäude, namentlich für Kirchen, welche dem Verkehr entzogen werden müssen, und darüber hinaus für Spielplätze, Promenaden und Gartenanlagen.“
1865 beschloss die Stadtverordnetenversammlung von Berlin, das Grundstück neben dem Schlachthof für einen ca. 29 Hektar großen Volkspark zu erwerben. Die Planung und Vorbereitung durch den Gartendirektor Gustav Meyer dauerte vier Jahre, so dass erst im Spätsommer 1869 mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Erster Spatenstich für den 1876 fertig gestellten Volkspark war am 14.9.1869, dem 100. Geburtstag Alexander von Humboldts. Das Volksfest zur Grundsteinlegung gilt als das erste öffentliche Auftreten der Berliner Sozialdemokraten nach der im Vormonat in Eisenach erfolgten Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP).
Der Park war einerseits für die Freizeit und zur Erholung der umliegenden Bevölkerung gedacht, gleichzeitig sollte er aber auch ihrer Fortbildung dienen. So gab es neben der Rodelbahn und den Spielplätzen zahlreiche exotische und seltene Pflanzen, die nach ihren Herkunftsregionen geordnet waren. Kleine Schildchen wiesen auf den Namen und die Herkunft hin. Die für diese Anlage vorgesehenen 340.000 Mark beinhalteten auch den Bau eines aufwendigen Bewässerungssystems, dessen Bau allein mehrere Jahre in Anspruch nahm.
Der Park, wie wir ihn heute kennen, sah damals völlig anders aus. Vor allem unterschied er sich an der heutigen Gustav-Meyer-Allee sowie dem eigentlichen Hain. Gegenüber der Ramlerstraße gab es einen Platz, auf dem die Himmelfahrtkirche stand, die 1893 erbaut und im 2. Weltkrieg völlig zerstört wurde. Von der Westseite des Platzes, wo noch heute die Wiesenstraße verläuft, führte die Grenzstraße quer durch den Park bis zur Kirche und der Brunnenstraße. Das heute existierende Freibad gab es damals natürlich noch nicht.
Im Süden schloss sich der Vieh- und Schlachthof an. Als dieser geschlossen wurde und dort die AEG ihre Hallen baute, wurde ein Teil des Humboldthains für das Werksgelände geopfert. In Verlängerung der Rügener Straße entstand die Gustav-Meyer-Allee, ursprünglich noch mit einem bepflanzten Mittelstreifen und einem kleinem Plätzchen in der Mitte der Straße. 1887 wurde oben auf dem Hain eine Gruppe von Findlingen aufgebaut sowie auch eine Inschriftenplatte, die auf Alexander von Humboldt hinwies. Der Park war ihm zu Ehren benannt worden, der zehn Jahre vor dem Baubeginn des Parks gestorben war. Daneben legte man eine künstliche Quelle an, die einen kleinen Weiher mit ausländischem Fischbestand speiste. Doch das wohl wichtigste Denkmal wurde 1926 geschaffen: Die „Jagende Nymphe“ von Walter Schott kam allerdings erst 1952 in den Park.
Vorher allerdings wurde der Humboldthain von den Nazis für ihre Zwecke umgestaltet. Vom Oktober 1941 bis zum April 1942 bauten u. a. italienische Freiwillige sowie französische Zwangsarbeiter zwei Bunkeranlagen, die den Park völlig zerstörten, den Flak-Geschützturm am nördlichen Rand des Parks, sowie den Flak-Leitturm an der Gustav-Meyer-Allee am Südrand.
Nach dem Krieg und dem folgenden kalten Winter war der Humboldthain praktisch zerstört. Die Bäume waren zum Heizen abgeholzt, nur die Bunker standen noch. Nach den teilweise missglückten Sprengversuchen sind beide Bunker zugeschüttet worden und um sie herum entstand ab 1950 ein von Günther Rieck völlig neu gestalteter Park. Über dem kleinen Bunker wurde wieder eine Rodelbahn angelegt, während auf dem großen Bunker, über Serpentinen zu erreichen, eine Aussichtsplattform installiert wurde. Hier steht auch eine Aluminiumskulptur aus dem Jahre 1967 des Künstlers Arnold Schatz als „Denkmal für die Deutsche Wiedervereinigung“. Die ehemals auf dem Gelände liegende Himmelfahrtskirche an der Brunnenstraße wurde nach Kriegsende gesprengt. An ihrer Stelle befindet sich heute ein sehenswerter Rosengarten.
Und während sich die Weddinger Bevölkerung auf dem Rasen ihren Platz fürs Picknick sucht und die Kinder sich im Sommerbad oder dem pädagogisch betreuten Spielplatz amüsieren, kann man heute am Bunkerberg bis auf die 85 Meter hohe Plattform klettern. Von dort hat man eine tolle Aussicht in alle Richtungen.
Und auch eine Himmelsfahrtkirche steht wieder, nun allerdings in der Gustav-Meyer-Allee, nur wenige Schritte von der Brunnenstraße entfernt. Nach ihrer Zusammenlegung mit der Friedensgemeinde heißt sie nun „Kirche am Humboldthain“.
In Auszügen aus www.brunnenstrasse.de, www.stadtentwicklung.berlin.de und www.luise-berlin.de