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Der Flakturm im Augarten Einstieg in die Gruft der Wiener „Flugratten“

Im Rahmen des Ersten Internationalen Unterwelten-Kongresses in Wien, der vom 18. bis 20. November 2005 stattfand, hatten es uns die „Wiener“ ermöglicht (den Verantwortlichen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!), dem Flakturm im Wiener Stadtpark Augarten einen Besuch abzustatten. Insgesamt elf Mitglieder des Berliner Unterwelten e.V., aber auch die anderen Gäste des Kongresses, die zum Teil eigens aus anderen Ländern angereist waren, nutzten diese einmalige Gelegenheit zu einem persönlichen Besuch vor Ort. Wer den Flakturm bislang noch nicht kennengelernt hat, der sollte allerdings auf einige sehr unangenehme Überraschungen vorbereitet sein.

Zum einen wird der Turm seit dem Jahr 1946 mehr oder weniger ununterbrochen von Tauben bevölkert, zum anderen ist das im Inneren liegende Treppenhaus, dessen Geländer nicht mehr vorhanden sind, über 40 Meter hoch, so daß Personen mit Taubenallergie oder mit Höhenangst von einer Begehung dringend abzuraten ist.

Am Zugang zum Bunker wurden an alle Teilnehmer der Begehung Staubmasken ausgeteilt, eine obligatorische Sicherheitsvorkehrung, auf die nicht verzichtet werden darf. Bereits im Eingangsschleusenbereich überlegte ich mir wieder umzukehren, da mir schon dort fast übel wurde. Taubenkadaver jeglicher Verwesungsstufen lagen überall herum, dazwischen immer wieder halbtote Vögel in den letzten Zuckungen. Es war schwer, an manchen Stellen überhaupt noch ein freies Fleckchen zu finden, wo man hintreten konnte.

Beim Aufstieg nach oben wurde es sogar noch schlimmer. Bei den Wendeltreppen mußte man darauf achten, nicht auf die hier überall vorhandenen Taubennester zu treten, zumal in ihnen noch fast überall rohe Eier lagen. Sehr eklig war es, konstatieren zu müssen, wie die Tauben ihre Nester oft in die Skelette ihrer Vorfahren hineingebaut hatten. Auch die Guanoschicht aus Taubenkot gewann von Stockwerk zu Stockwerk an Stärke. Besonders übel war es, an den im Treppenraum aufgehängten Neonleuchten vorbeizukommen. Die von unseren Aktivitäten im Innern des Flakturms aufgeschreckten Tauben, deren Gesamtzahl ich auf etwa 1.500 bis 2.000 schätzen möchte, flogen teilweise ziellos durch den Treppenraum und knallten wie irre gegen die Lampen, wohl in der Annahme, durch diese Lichtquelle könne man ins Freie gelangen. Es hieß also beim Unterqueren der Lampen immer: „Gut aufgepaßt und schnell durch!“, bevor wieder eine der „Flugratten“ aus der Finsternis schoß und über dem eigenen Kopf gegen die Lampen schellte.

Ich schätze, so mancher hätte sich in einem solchen Moment wirklich übergeben, auch hätten in einem solchen Fall die inzwischen unentbehrlichen und „überlebensnotwendigen“ Staubmasken nicht mehr viel geholfen. Den Moment, wo man in einen mit ca. 500 Tauben gefüllten Raum hineinblicken konnte, die wie blöde gegen ein Gitter flogen, werde ich nicht vergessen. Alfred Hitchcocks „Vögel“ sind nichts dagegen. Dazu die ständige Obacht, auf den ungesicherten Treppen bloß keinen Fehltritt zu machen, denn der wäre hier tödlich gewesen. Schwindelerregende Blicke in die Tiefe vervollständigten das infernalische Gesamtbild.

Ein erstes Durchatmen war erst möglich, als wir die untere Geschützplattform erreicht hatten. Der Ausblick, den wir von hier aus über die Stadt Wien genießen konnten, entschädigte uns aber über alle Maßen für die Strapazen des Aufstiegs.

Bei diesem letzten Flakturm sind die Sockel für die leichten Flakgeschütze zur Verteidigung gegen Tiefflieger nicht mehr fertig gestellt wurden. Auch die Beschädigungen, die der Turm abbekommen hatte, als 1945 eine der Munitionskammern in die Luft flog, waren beeindrukkend. An der unteren Plattform war dies an deren Schieflage im Detonationsbereich, aber auch an den großen Rissen im Stahlbeton nur schwer zu übersehen. Nachdem alle „Expeditionsteilnehmer“ die untere Plattform ausgiebig in Augenschein genommen hatten, ging es weiter nach oben zur Geschützplattform.

Dankenswerterweise nahm Reiner Janick als erster unerschrocken den Aufstieg in Angriff, mußte aber selbst erst einmal zurückweichen, da ihm etwa ein Dutzend Tauben aus dem Dunkeln entgegen geschossen kamen. Erst nachdem er den Weg nach oben als: „Frei!“ meldete, kam es mir in den Sinn, ihm zu folgen. Die obere Geschützplattform stellte die bisher genossene Aussicht noch einmal völlig in den Schatten, da hier ein wirklich grandioser und ungestörter 360-Grad-Rundumblick auf die Donaumetropole Wien möglich ist.

In zwei Geschützbettungen lagen sogar noch Reste der Geschütze herum, tonnenschwere Metallverschlüsse, bei denen es nicht zu übersehen war, daß kurz vor der Kapitulation die Kanonen mit der letzten Granate gesprengt worden sind.

In einer Geschützbettung folgte dann schließlich das obligatorische Gruppenfoto, nachdem wir alles in aller Ausführlichkeit gründlich in Augenschein haben nehmen konnten. In der früh einsetzenden Dämmerung – schließlich war es November – begann dann bald wieder der Abstieg, und noch einmal mußten wir das Taubeninferno durchqueren, nun allerdings innerlich etwas besser auf das Bevorstehende vorbereitet. Unten wieder angelangt, waren die meisten Teilnehmer froh, diese wirklich spezielle Wiener Gruft (an Grüften hat die Stadt ja einiges zu bieten) wieder zu verlassen.

Für mich war es eine der eindrucksvollsten, wenngleich auch brechreizerregensten Erkundungstouren, die ich jemals mitgemacht habe. Es bleibt der Stadt Wien zu wünschen, daß sie diesem Bazillen- und Parasitenherd im Augarten eines Tages zu Leibe rückt, alle Einfluglöcher abdichtet und den als Denkmal eingetragenen Turm vielleicht einmal zu Ausstellungsund Aussichtszwecken herrichten wird. Und vielleicht ließe sich ja sogar ein Teil der Kosten über den Abbau von Guano refinanzieren? Die dickste Schicht, die ich entdecken konnte, war – von mir grob geschätzt – über 2,5 Meter stark!

Hinweis 

Dieser Artikel erschien in der vereinsinternen Zeitschrift Schattenwelt im Jahr 2005, Nr. 4.

Autor: Dietmar ArnoldStand: 08.06.10 Seitenanfang

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