Vorausgeschickt werden soll an dieser Stelle, daß es für einen orthodoxen Atheisten wie mich schwierig ist, einer Gegend Geheimnisse zu entreißen, wenn sich die Reiseliteratur gemeinhin in der Beschreibung von Wegekreuzen, Kapellen, Klöstern und Kirchen erschöpft. Eher nebenbei erfährt man noch etwas über die römischen Festungen, die noch rudimentär im spanischen Galizien zu bestaunen sind oder aber von den imperialen Castelos, die die spanischen Häfen und damit die heimkehrenden Schiffe mit kolonialer Beute gegen Angriffe der Franzosen und Engländer sicherten. Den Rest der Reiseführerseiten füllen Beschreibungen über Klippen, Felsen, Leuchttürme und Strände am westlichsten Ende Europas. Unterirdische Anlagen muß man dann schon in einer Kombination aus Spürsinn und Glück selber finden. Nehmen wir also als Beispiel einen solchen Tag, an dem eigentlich nur die Erkundung eines alten Castelos und die Mitnahme zweier klippiger Leuchttürme geplant war...
Im Innenhof des Castelo San Felipe
Durchgänge durch die ehemaligen Kasematten im Castelo San Felipe
Durchblick vom Innenhof durch die Kasematte Richtung Wasser im Castelo San Felipe
Das Castelo San Felipe in der Ría de Ferrol (Bucht von Ferrol) – ganz an der nordwestlichen Ecke Spaniens – ist ein Beispiel dafür, wie man dort sehr lax – und damit aber auch für Entdeckernaturen sehr einladend – mit der Geschichte umgeht. Das Castelo liegt sehr malerisch an der engsten Stelle zwischen Atlantik und der Ría de Ferrol und sicherte den in Kolonialzeiten bedeutenden Hafen – gemeinsam mit einem Castelo am gegenüberliegenden Ufer, das bis heute als Militärgefängnis dient. Da diese Sehenswürdigkeit in jedem Reiseführer steht, erwarteten wir ein herausgeputztes Schmuckstück an Festung. Um so größer die Überraschung, ein verwunschenes und verwachsenes Objekt vorzufinden, vor dem ein müder Angestellter die wenigen Touristen wohlwollend durchwinkt, statt den einen Euro Eintritt zu kassieren. Trotzdem bekommt man von ihm ein gutes Faltblatt in die Hand, das in einer 3-D-Zeichnung die Anlage und die begehbaren Wege darstellt. Mauern werden von Bäumen umrankt, aus Fenster- und Türhöhlen ragen grüne Äste, geheimnisvolle Gänge und Treppen laden zur Erkundung nach oben und unten ein.
Von der grellen Spaniensonne verwöhnt, hatten wir als einzige Lichtquelle nur ein Feuerzeug dabei, so daß wir uns die spannendsten Gänge und Treppen leider versagen mußten. Unterirdische Versorgungsgänge zu den Katakomben und überdeckelte, mannshohe Wasserrinnen, die zur Bucht führen, warten auf den Unterweltler, der mit Helm und Lampe dort zu stöbern beginnt. Uns als Shorts- und Sandalen-Touristen blieben nur die Wege und Gänge, die ausgetreten waren, aber bereits soviel Atmosphäre und Düsterheit ausstrahlten, daß unserer Begeisterung keine Grenzen gesetzt waren. Aus dem geplanten einstündigen Besuch wurde trotz fehlender Ausrüstung dann doch eine 2½-Stunden-Entdeckungsreise durch die Welt des 17. und 18. Jahrhunderts.
Der nächste Punkt im Besichtigungsprogramm hieß: Leuchtturm des Cabo Prioriño. Durch malerischen Wald, kleine Weiler am Meeresufer und ohne jedwede Ausschilderung tastete sich unser Kleinwagen auf schmaler Straße weiter nach Westen.
Weiß der Teufel, was meinen Sohn geritten hat, als er an einer schilderlosen Straßengabelung – en el centro de la ninguna parte, wie der Spanier sagt – meint: „Fahr mal da den Hügel rauf!“, während ich todsicher war, daß die andere Straße zum Leuchtturm führt, was sich drei Stunden später auch als richtig herausstellte. Aber so kamen wir erst einmal an ein verlassenes Tor, an dem ein nagelneues Verkehrsschild die Einfahrt für Kraftfahrzeuge untersagte. Aus den Büschen rechts und links lugten aber bereits Rudimente von untypischen Bauernhäusern, die unsere Neugierde insoweit weckten, als daß wir beschlossen, zu Fuß das Terrain näher in Augenschein zu nehmen.
Ehemaliger Beobachtungsturm der Wachmannschaft des Objektes
Personeneingang zum unterirdischen Teil einer der Geschützstellungen
Einfahrt der Feldbahn in den unterirdischen Teil einer der Geschützstellungen
Montageraum der Geschosse direkt unter der Geschützkuppel
Freier Blick zum Himmel im Schacht der früheren Geschützkuppel
Lageplan einer unterirdischen Geschützstellung
Die ehemalige Geschützstellung von oben
Blick auf die einstigen Unterkünfte direkt neben den Geschützstellungen
Mehrere Häuser aus Felsstein standen mitten im verwilderten Busch, eine merkwürdige Stimmung aus Maya-Architektur im Dschungel und den zugewachsenen Bunkern der Wolfschanze. Es roch nach Militär! Sicher war ich mir dann beim Entdecken eines Dixie-Klogroßen Wachtturms, aus dem man einen genauso schönen Blick über die Bucht hatte wie von der Straße daneben.
Nun gut, dachten wir, alles sehr schön – wenn auch romantisch-skurril – und dachten an Umkehr, als mein Sohn sicherheitshalber noch weiter hinten die nächste Ruine erkundete und rief: „Papa, da geht ein Gang in den Berg!“ Ich horchte auf, mein Adrenalinpegel stieg, und schnell wie mein plötzlich einsetzendes Herzrasen war ich bei ihm.
Tatsächlich: eine Schneise im Hügel, schmale Gleise und mehrere Tore, von denen Gänge in den Hügel führten! Erste Analyse: In den Häusern wurde etwas montiert, auf Schmalspurwagen verladen und dann in den Berg geschafft. Also sind wir den Gleisen in einen Tunnel gefolgt, der in einem gleichmäßigen Bogen in den Berg eindrang. Im flakkernden Schein eines Billigfeuerzeugs gaben wir nach etwa 50 Metern in völliger Dunkelheit auf, zuviel Unrat lag herum, die Verletzungsgefahr war nicht zu unterschätzen. Nächster Anlauf beim nächsten Tor.
Dieser Gang verlief geradeaus, so daß das Sonnenlicht weit genug reichte, um bis zur nächsten Ecke zu kommen. Dort dann eine Treppe, die weiter abwärts führte. Wir standen in einem großen Raum, von dem links und rechts wieder Gänge abzweigten. Von woanders drang nun Tageslicht ein, so daß wir uns weitertasten konnten. Wieder eine Gangkreuzung, da kamen von links die Schmalspurgleise wieder, hier war also das Ende des gebogenen Tunnels.
Weiter voraus eine große Öffnung und Sonnenlicht. Wir standen in einem etwa 15 Meter breiten Rund und schauten in den Himmel. Mein Sohn meinte spontan: „Eine Abschußrampe!“ Ganz so abwegig schien das nicht, mich irritierte jedoch, daß in allen unterirdischen Räumen die Wände und die Fußböden gekachelt waren und offensichtlich auch hier mit irgendwelchen Dingen hantiert wurde, die es notwendig machten, die Räume regelmäßig sauber zu halten. Oder aber man arbeitete mit Flüssigkeiten.
Genährt wurde diese Hypothese durch die Reste eines übergroßen Silobehälters in einem Raum, der an der Decke auch Luken zur Oberfläche aufwies. Hochinteressant und hochmysteriös. Meine Kamera surrte, das Blitzlicht lief heiß und ich versuchte, mir die Anordnung der Gänge und Räume so genau wie möglich einzuprägen. Eine Vorstellung mag die beiliegende Skizze geben, die ich nach bester Erinnerung angefertigt habe.
Das Interesse an dem ganzen Gelände war nun endgültig geweckt, und unser Forscherdrang wurde nur gebremst durch stachlige Büsche und die fehlenden Taschenlampen. Wir entdeckten noch vier weitere Stellungen, die nach gleichem Schema aufgebaut waren und die uns nach und nach die Gewißheit gaben, daß wir es mit einer großkalibrigen Artilleriestellung zu tun haben, wobei die Rätsel der gekachelten Räume vor Ort nicht zu lösen waren.
Eine andere kleine Straße, die wir entdeckten, führte an einem großen Ausschaubunker vorbei, der mich fatal an den Atlantikwall erinnerte, obwohl ich noch nie dort war. Der Weg endete auf dem Gipfel (des Monte Ventoso, so heißt der Hügel) an einem Kommandohaus, das seitlich mit zwei kleinen Geschützstellungen gesichert war, die ebenfalls unterirdisch zugänglich, aber erheblich älteren Datums waren.
Das Kommandohaus selber mutete auf den ersten Blick recht zivil an, nur die fast einen Meter dicken Wände verrieten, daß sich hier jemand in besonderer Sicherheit wiegen wollte. Das Interieur fehlte auch hier, die Wände und Treppen waren durchlöchert und abgebrochen.
Auf halbem Weg zur Anhöhe des Kommandohauses waren unter dem Gipfel des Monte Ventoso in zwei parallelstehenden Baracken Mannschaftsräume eingegraben, die durch einen schmalen Gang voneinander getrennt waren. Am Ende des Ganges in Richtung Hügelkuppe, wo die Übererdung am größten war, erkannte ich einen Zugang in den Hügel. Die Erkundung sollte uns jedoch durch ein Pferd verwehrt bleiben, das schon ziemlich lange und ziemlich tot vor dem Eingang lag und in seinem halbskelettierten Zustand nur fetteste Fliegen und Würmer begeistern konnte.
Wie wir später im Internet erkannten (siehe Internet-Tip am Ende des Artikels), war dies der Eingang zu zwei Flakstellungen, die durch einen 135 Meter langen unterirdischen Gang mit den Mannschaftsbaracken verbunden waren. Die Bilder im Internet trieben uns Tränen in die Augen angesichts dessen, was wir dort versäumt haben. Aber mit totem Pferd und ohne Taschenlampe ist eben schlecht forschen.
Völlig fertig vom Gesehenen rückten wir wieder langsam in die Wirklichkeit und entsannen uns wieder des ursprünglichen Vorhabens, eigentlich dem Leuchtturm eine Visite abzustatten. Also auf und den Kleinwagen gesattelt; niemand aber konnte ahnen, das es weiterhin spannend bleiben würde.
Nach ein paar Kilometern schmaler Straße dann die herbe Enttäuschung: der Leuchtturm war weg! Wir standen auf einer riesigen Baustelle an der Mündung der Ría de Ferrol in den Atlantik, wo man trotz fehlenden Eisenbahnanschlusses und einer nur feldwegbreiten Straße mit dem Bau eines puerto exterior (Außenhafens) schon relativ weit fortgeschritten ist. Nun, wegen der Bulldozer und Kräne war ich nicht hier und ich war schon ganz zufrieden, mit dem, was wir an jenem Tag entdeckt hatten. In Gedanken bereits bei der Rückfahrt, hörte ich vom Beifahrersitz wieder diesen Satz: Du, Papa, fahr mal da den Weg hoch!“
Ich sah den Feldweg, den er meinte, sah meinen Sohn an – schüttelte den Kopf und trat durch. Der Weg war tatsächlich nichts für Stadtmenschen wie uns: übersät mit Steinen, die Obelix liebend gern in seine Sammlung aufgenommen hätte, rechts Felsen aufwärts, links Klippen abwärts und ich war mir sicher, im Ernstfall auf zwei Meter Breite unmöglich wenden zu können. Ich faßte erst mehr Mut, als ich weiter oben einen Seat Marbella stehen sah, der Einheimischen gehörte, die dort in den Klippen nach Muscheln tauchten.
Okay“, sagte ich mir, „was diese spanische Olivendose kann, schafft meine koreanische Handtasche schon lange!“ und zog an dem parkenden Seat vorbei, der mir nur wenig mehr als einen Meter zwischen sich und den Klippen Platz ließ. Ich mußte einen siebten Sinn gehabt haben, als ich beim Autovermieter eine zusätzliche protección contra choque (Super CDW) ohne Selbstbeteiligung abgeschlossen hatte, so konnten wir wenigstens guten Gewissens die Klippen runterkippen.
Lkw-Einfahrt in die unterirdische Beobachtungsstation
An einer Verzweigung der Tunnelröhre zum Nordund Westausguck
Lageplan der Beobachtungsstation
Die Führungsschienen des Hohlspiegelwagens sind noch vorhanden
Zwanzig Durchschüttelungen und Angstschweißausbrüche später waren wir am Ende der Klippen angelangt und stiegen mit offenen Mündern aus dem Auto. Vor uns ein Lkwgroßes und vor allen Dingen offenes Tor, das in einen Tunnel führte. Ich war sprachlos. Wessen Sohn war dieser Junge, daß dieser traumwandlerisch zu jenen Dingen fand, die ich nie entdeckt hätte?
Dank seines Durchmessers drang genug Sonnenlicht in den Tunnel, so daß man auch ohne Beleuchtung sehr gut zurecht kam. Und auch hier wieder: Gleise! Diesmal aber in einer Spurweite, wie ich sie bisher nur von Slipanlagen der Bootshäuser kannte: etwa zwei Meter breit. Dazu ein sehr flaches Schienenprofil, jemand hat hier also mit einem breiten, aber leichten Wagen Eisenbahn gespielt.
In der Mitte des Tunnels, der sich dort in die drei Himmelsrichtungen Süd, West und Nord verzweigte, wieder ein großer, gekachelter Raum. Zusätzlich an anderer Stelle ein Schacht, in dem eine Steigleiter etwa 20 Meter nach oben zu einem Beobachtungsbunker führte. Auch von dieser Anlage habe ich eine Skizze angefertigt.
Jeder der drei abzweigenden Tunnel endete früher mit einem großen, verschließbaren Tor, dessen gewaltige Scharniere teilweise noch erkennbar waren, abrupt über den Klippen. Die Variante, daß hier jemand nach Bedarf eine Kanone hin- und hergeschoben hat, läßt sich schnell wegen des leichten Schienenprofils ausschließen. Auch die Lage des rückwärtigen Tunnels zum Südtor macht für eine Artillerie keinen Sinn, da dort das Geschütz verkehrt herum gestanden hätte. Wiederum aus dem Internet erfuhren wir daheim, daß es sich hier um eine Spähstellung gehandelt hat. Ein gewaltiger Hohlspiegelprojektor, ähnlich dem einer Sternwarte, wurde hier hin und her gefahren, um das Meer zu überwachen. Wir können also den Ursprung dieser unterirdischen Anlage weit vor der Erfindung des Radars in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einordnen. Und der Zusammenhang mit der Artilleriestellung am Monte Ventoso scheint auf der Hand zu liegen.
Mehr Infos zu dieser und anderen unterirdischen Anlagen in Galizien sind auf der spanisch-englischen Website eines spanischen Unterweltlers (josecadaveira.tripod.com/militaryruins/) zu finden, die auch viele Bilder zu der in diesem Artikel und zu anderen Anlagen enthält.
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