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Bunkerbesuch auf Jersey Sechzig Jahre nach Kriegsende auf den Kanalinseln

Vom 28. Mai bis zum 11. Juni 2005 verbrachten meine Tochter Annika und ich erlebnisreiche Ferientage auf den Kanalinseln vor der Küste Frankreichs, die aber bis heute nur ein Lehen der englischen Königin, nicht aber offizieller Teil von Großbritannien sind. Sie genießen eine Halb-Autonomie, die Briten vertreten die Inseln nur in den wichtigsten innen- und außenpolitischen Fragen.

Mit dem Zug fuhren wir nach Hannover. Von dort flogen wir im Direktflug nach Jersey. Bei klarer Sicht konnten wir während dieser zwei Stunden vier Schiffe im Ärmelkanal orten, sahen wir die Küstenlinien Frankreichs und Großbritanniens. Aber auch London von oben, unter anderem die Tower Bridge, war deutlich zu erkennen. Das Land lag „offen“ unter uns, die See auch.

Vom Flughafen in Jersey ging es per Taxi zu unserem Quartier im Fischerstädtchen St. Aubin. Noch am Ankunftstag besichtigten wir die erste Festungsanlage, das Fort von St. Aubin. Noch bei Ebbe konnten wir über eine schmale Betonpiste zum Fort gelangen. Das Wetter war schön. Wir ließen uns mit dem Entdecken dort viel Zeit. Ab und zu sahen wir hier auch schon erste versteckte und gut in die Umgebung eingebaute Bunkeranlagen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die man vom Ufer aus kaum erkennen kann.

Bei aufkommender Flut wateten wir durchs Wasser zurück ans Festland. Auf den Kanalinseln kann die Flut sehr rasch kommen, der Tidenhub ist mindestens drei Meter hoch. Nicht lange sollte es dauern, bis all diejenigen Schiffe, die wir bei Ebbe gestrandet sahen, wieder schwammen.

Am nächsten Tag besichtigten wir das Elizabeth Castle in St. Helier, der Hauptstadt von Jersey. Mit einem „Autoschiff“ setzten wir zur dortigen Festung über. Diese Fähre „rollte“ erst ganz sacht in das doch recht seichte Wasser hinein, bevor sie wirklich zu „schwimmen“ anfing. Das Schloß von St. Helier ist in seiner gesamten Anlage beeindruckend, sowohl von der Lage her als auch durch seine reiche und lange Geschichte. An einer strategisch guten Stelle liegt dieses Kastell in einer Bucht. Das haben auch die deutschen Okkupanten erkannt und das Schloß so geschickt „verbunkert“, daß man diese neuzeitlichen Verteidigungsanlagen vom Ufer aus nicht erspähen kann. Hier besichtigten wir zwei Bunkeranlagen, auch die Kanonen. Sowohl die einen als auch die anderen sind geschickt getarnt in die Anlage einbezogen worden! Die einzelnen Militärgebäude von Elizabeth Castle, früher Kasernen bzw. Offiziersunterkünfte, sind heute kleine informative Museen zur Militärgeschichte und anderen Aspekten zur Historie der Inseln. Elizabeth Castle ist eine ziemlich langgestreckte Anlage.

Auf einem Felsen thront die steinerne Hütte des Mönches Helier, nach dem die Stadt benannt worden ist. Er war ein Einsiedler, der seine Klause hoch oben in einem kleinen Felsenhaus hatte, ein „Höhenhöhlenkabuff“, mit Liegestatt, Feuerplatz und einem kleinen Fenster. Im Inneren roch es sehr modrig und feucht. Sicherlich haben dort auch deutsche Soldaten Wache geschoben. Dieses Felsenhaus ist auch heute nur über eine steile Treppe zu erreichen, die aber mittlerweile durch Geländer ausreichend abgesichert worden ist. Nach dem Abstieg von dieser „Berghöhle“ wanderten Annika und ich über eine lange, schmale Pier zu einem kleinen, modernen Leuchtturm, wobei wir auch hier unterwegs eine Art „Spähbunker“ passierten.

„On top of the castle“: Der Bunker mit den Sehschlitzen ist gut ins Kastell eingefügt worden. Wir waren natürlich auch drinnen und konnten weit über den Ärmelkanal, über den „English Channel“ schauen, trotz des mittlerweile einsetzenden Regens. In der Festung trafen wir unterwegs immer wieder auf Abstiege, Einstiege, Ausstiege in die verschiedenen Kasematten und unterirdischen Räume. Es war ein spannender und aufregender Spaziergang, zugleich aber auch ein gutes Trimm-Dich-Programm. Auf dem ehemaligen Übungsplatz des Kastells, vor den Kasernengebäuden, wurden die männlichen Touristen regelrecht „gedrillt“. Einige mußten sogar beim Bedienen, Beladen und Abfeuern einer alten Kanone mithelfen. Die weiblichen Besucher, also auch wir, haben sich dabei königlich amüsiert. Auf einer Rasenfläche im Vorfeld von Elizabeth Castle wird die Geschichte dieses Kastells in Form von Fotos und kurzen Textinfos dargestellt. Anlaß für diese Präsentation war der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. So haben wir bereits nach den ersten beiden Tagen auf den Kanalinseln zwei Festungen mit etlichen Bunkeranlagen „geschafft“. Wie viele Bunker würden wir wohl während dieses Urlaubs noch zu sehen bekommen?

Nach dem Besuch des wirklich interessanten, gut aufgebauten Meeres-Museums (Maritime Museum) mit viel Platz zum Experimentieren für große und kleine Leute, des modern ausgebauten Hafens von St. Helier, der von der Festung St. Petersborough überragt wird, machten wir eine Inselrundfahrt in einem der häufig verkehrenden Busse des öffentlichen Nahverkehrs. Eine Wochenkarte ist übrigens auf den Kanalinseln recht preisgünstig zu haben und sehr empfehlenswert!

Ein Höhepunkt, ja geradezu ein Muß, wenn man Bunker besichtigen will, ist die Visite der „Jersey War Tunnels“. Diese Anlage, inmitten der Insel gelegen, ist touristisch ganz schön aufgepeppt worden, jedenfalls im Eingangsbereich, der einen Kassenraum, einen Verkaufsshop und auch ein Café umfaßt. Auch ein Zeichen für den florierenden Bunkertourismus auf den Kanalinseln. Die riesigen Tunnel, im Rahmen der Organisation Todt von Zwangsarbeitern errichtet, wurden niemals vollständig fertiggestellt. Das ist auch an mehreren, im Stadium des Rohbaus liegengebliebenen Stollen zu erkennen, die aus Sicherheitsgründen für das Publikum gesperrt sind.

In den übrigen Stollen, die man besichtigen kann, sind die Informationen sachlich und ausgewogen, ebenso die Ausstellung. Die einzelnen Räume sind nach Themen geordnet: der Operations-Bereich, die Apotheke, die Zeit der deutschen Besatzung und anderes mehr. Pfeile und Hinweistafeln geben den Besuchern eine gute Orientierung. Die Luft in den Tunneln ist überall überraschend frisch. Für uns ergab sich hier eine sehr kurzweilige Tunnelwanderung, die jedem Besucher der Kanalinseln anempfohlen sei, weil von St. Helier aus eine Buslinie direkt zum etwas versteckt liegenden Eingangsbereich führt.

Am folgenden Tag wanderten wir bei reichlich Sonnenschein direkt an die Küste, über die Kliffs, zum Grosvenor Castle, an der Plémont Bay. Auch in dieser Ruine gibt es versteckte Befestigungsanlagen, die aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen. Dann gelangten wir nach kurzer Zeit zu Bunkeranlagen, die weit über die Kanalinseln hinaus einen gewissen Bekanntheitsgrad genießen dürften. Hier sind wir auf den einzelnen Bunkern herumgeklettert, manchmal auch in einige eingestiegen, wo es möglich war. Viele dieser Luftschutzanlagen werden nicht betreut und wachsen dementsprechend allmählich zu. Von Blumen, Efeu und Gebüsch umgeben, verliert sich so bei diesen Bunkern allmählich das Martialische, bekommen diese Militärbauten allmählich etwas Friedlicheres, ein fast schon romantisch wirkendes Aussehen.

Der nächste Tag. Wieder wurde von uns ein bedeutendes Kastell besucht, Mont Orgueil in Gorey. Diese Festung liegt exponiert auf einem Inselvorsprung direkt am Meer. Es ist ein beeindruckendes Festungsschloß, das zur Zeit teilweise restauriert wird. Das ist notwendig und auch lohnenswert, denn diese Anlage ist wirklich sehenswert! Sie ist ganz anders aufgebaut als zum Beispiel Elizabeth Castle, aber mindestens ebenso bedeutend und aufregend. Die bedeutsame strategische Lage wird noch verstärkt und betont durch die zahlreichen Martello-Türme, Wehrtürme an der Küste aus der Zeit der Napoleonischen Kriege.

Das Kastell ist in sich sehr wuchtig, die Wege führen durch viele Tore hindurch steil hinauf. Es gibt einige verhältnismäßig schlicht eingerichtete Räume, eine niedrige, düstere Kapelle mit Bogensäulen, Überbleibsel von Schießscharten, Andeutungen von Wehrgängen, wie sie in mittelalterlichen Festungsanlagen üblich waren. Das Kriegerische wird jedoch etwas gemildert durch die vielen kleinen, aber gut gepflegten Burggärten. Die modernen Befestigungsanlagen, insbesondere die Bunker, fallen hier kaum auf. Sie sind geschickt integriert worden in die einzelnen Gebäudeteile. Die Aussicht von ganz oben – weit über den Ärmelkanal hinweg – ist großartig.

Neben diesen modernen Befestigungsanlagen und den Kastellen gibt es auf Jersey aber auch noch zahlreiche ältere archäologische Fundstellen. So in La Hongue Bay im Inselinneren. Dieser Ort ist ebenfalls mit dem Bus gut zu erreichen. Dort liegt ein sehr bedeutendes Ganggrab aus der Jungsteinzeit (ca.3.500 v. Chr.). Zwar betraten wir die Anlage in gebückter Haltung, dennoch stieß ich mir gleich mehrfach den Kopf an den Steinen. Bei gedämpfter elektrischer Beleuchtung konnten wir den Aufbau dieses riesigen Grabes mitsamt den Nebenkammern gut betrachten und hatten Zeit, uns Gedanken zu machen über dessen Errichtung. Nach Fertigstellung wurde die gesamte Anlage überhügelt. Auf ihrer Spitze steht eine alte, schlichte Kapelle. Ein Pfad schlängelt sich von der Basis aus nach oben. Im unmittelbaren Umfeld um diesen Hügel herum kann man noch weitere, allerdings beträchtlich kleinere Steingräber aus dieser Zeit sehen. In einem kleinen archäologischen Museum erhält der Besucher weitere Informationen zu dieser frühen, aber bedeutenden geschichtlichen Epoche. Doch selbst an diesem Orte gibt es einen Stollenbunker mitsamt einer kleinen Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg und über Zwangsarbeiter. Deren Besichtigung haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Wieder war ein neuer Tag angebrochen. Wir wanderten diesmal auf einem anderen Klippenweg zum Leuchtturm La Corbière. Dort genossen wir die Aussicht auf das Meer, auf die zahlreichen kleinen Buchten, den Anblick der uns umgebenden wunderschönen Blumen. Da gerade Ebbe herrschte, konnten wir über Betonplatten direkt zum Leuchtturm wandern. Dieser kann nicht besichtigt werden. Dafür entdeckten wir hier aber wieder Befestigungsanlagen aus dem scheinbar unverwüstlichen Beton. An Land wimmelt es hier nur so von unterirdischen Bunkern, Halb- bzw. Flachbunkern mit den dazugehörigen Verbindungstunneln. Noch sehr viel mehr Zeit hätten wir hier verbringen können, mit Entdecken, Untersuchen, Herumklettern oder einfach auch nur Pausieren. Dieser Platz ist auch mit Autos recht gut zu erreichen; Busse halten etwas weiter entfernt. Die freiwilligen Helfer der sogenannten Bunker Trusts (Vereine zur Erhaltung der Bunkeranlagen) sorgen dafür, daß diese Anlagen angemessen abgesichert und erhalten bleiben. Auch für die Sicherheit der Besucher ist gesorgt (zum Beispiel durch Geländer an den entsprechend gefährlichen Stellen). Viele Flachbunker sind mittlerweile mit Erde zugedeckt und bepflanzt worden. So entstehen im Verlaufe der Jahre neue begrünte, blühende Hügel. Aus Kostengründen können nicht alle Bunkeranlagen dauerhaft geöffnet und gepflegt werden. Trotzdem gibt es immer noch genug von ihnen, die man jederzeit besichtigen kann, so man denn will.

Die gesamte Gegend rings um La Corbière ist während des Zweiten Weltkriegs bis weit ins Landesinnere hinein im Untergrund verbunkert worden. Einen positiven Nebeneffekt gibt es dennoch: die grauen Betonwälle sind heute ein guter Schutz gegen die Meeresbrandung.

Dann nahte schon unser Abschied von dieser faszinierenden Insel. Neben allem Landschaftsgegucke wurde der letzte Tag auf Jersey wieder ein Bunkertag „en gros“. Am Noirmont Point konnten wir uns aussuchen, welche Bunkeranlage wir zuerst ansteuern wollten. Immerhin haben wir es geschafft, fast alle wenigstens von außen zu betrachten. Abschluß dieses Tages war ein kurzes Bad im relativ warmen Wasser in einer windgeschützten Bucht.

Reiseland 

Jersey

Autor: Annelies ArnoldStand: 07.05.07 Seitenanfang