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Bomben auf Wien Zeitzeugen berichten

In dem zweiten hier vorgestellten Buch des Historikers Marcello La Speranza werden die Bombenangriffe auf Wien während des Zweiten Weltkriegs und ihre Auswirkungen auf die Wiener Zivilbevölkerung näher beleuchtet. La Speranza wollte mit diesem Buch „weder einen Mythos der Stunde Null schaffen noch eine Luftkriegs-Edda.“ – was auch immer sich hinter diesem merkwürdigen Begriff verbergen mag. Der Untertitel deutet es bereits an: „Zeitzeugen berichten.“ Auf seinen Streifzügen durch die Wiener Untergründe hat er einige von diesen Menschen kennen gelernt und ungefähr neunzig Personen zu einer aktiven Mitarbeit bewegen können. Sei es, daß sie in Form von Briefen ihre Erinnerungen niederschrieben, oder aber in von La Speranza persönlich geführten Interviews, zum Beispiel auch mit seiner eigenen Mutter Zita. Bei „Bomben über Wien“ handelt es sich also um so etwas wie eine kommentierte Quellenedition. Wie es sich bei einer solchen gehört, gibt es hier einen Index mit den jeweiligen Standorten, mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis sowie mit zwei Anhängen: über die 15. US-Luftflotte, die Wien bombardierte, sowie über die Flaktürme in der österreichischen Hauptstadt. Marcello La Speranza hat zudem eine längere Einleitung verfaßt.

Dort kann man so manches darüber lesen, wie Wien bei den insgesamt 53 Luftangriffen, die etwa 10.000 Menschen das Leben kosteten, zerstört wurde. Ein vergleichsweise „geringer“ Blutzoll, möchte man meinen, verglichen etwa mit Berlin. Aber immer noch schrecklich genug.

Der schlimmste Tag war der 12. März 1945, als 856 schwere Bomber der US Air Force, von Norditalien aus kommend, ihre Bombenlast auf die Kaiserstadt an der Donau abwarfen. Die unmittelbaren Auswirkungen dieses Angriffs sind in Aussagen der Zeitzeugen allenthalben nachzuvollziehen. Hunderte von Menschen wurden allein an diesem Tage ihres Lebens beraubt. „Es war kein Kampf mehr, nur noch ein sinnloses Schlachten. Die Legende vom ,sauberen Luftkrieg’ wurde gründlich zerstört. Sein Vordenker, der italienische General Giulio Douhet, von einer grausamen Wirklichkeit widerlegt.“

Die Zeitzeugen erinnern sich noch ganz genau an ihren Alltag unter dem ständigen Bombenhagel, an die Luftalarme, an die Stunden in den Luftschutzkellern und Flak-Türmen. Manche Geschichten wirken grotesk, gelegentlich gar komisch, andere dagegen sind erschütternd. Am Rande werden immer wieder die Judenverfolgungen thematisiert, wie die jüdischen Zwangsarbeiter, den gelben David-Stern auf der Brust tragend, Schwerstarbeit für ihre Peiniger zu leisten hatten. Marcello La Speranza bezieht diesbezüglich in seinen Kommentierungen eindeutig Stellung: das war ein Unrecht! Er macht zudem deutlich, wie so mancher Zeitzeuge, immer noch, der damaligen Zeit und ihrer Gesinnung verhaftet geblieben ist. Das drückt sich zum Beispiel auch in der Verbitterung über die nachfolgenden Generationen aus, weil diese in ihrer angeblich moralisch einseitigen Anklage ihren Eltern und Großeltern gegenüber nicht verstehen würden, daß diesen durch die Kriegsgeschehnisse – unter anderem – die besten Jahre ihres Lebens geraubt wurden.

Jeden einzelnen dieser ungefähr neunzig Berichte muß der Leser auf sich wirken lassen. Das Buch ist eine atemberaubende Erinnerungstour durch die Untergründe und Keller Wiens. Zwischendurch meldet sich auch der Herausgeber, Marcello La Speranza, nachdenklich zu Wort. Wenn er etwa meint: ·Erinnerung ist der irdische Kampf mit der Zeit. Jede Nation, jede Generation und jeder Mensch hat eigene Erinnerungen, Erfahrungen und Verwundungen und ein Recht darauf, in Kenntnis der Geschichte Erinnerungen in Würde selbst zu bestimmen und zu gestalten.“ (S. 43) An anderer Stelle heißt es: „Jede Erinnerung berührt eine Narbe, die sich leicht in eine Wunde verwandeln kann.“ (S. 114)

Zum Beispiel, wenn man an die Massenvergewaltigungen österreichischer Frauen durch Soldaten der Roten Armee denkt. Dann, sozusagen als Kulmination, bringt der Autor es auf den Punkt: „Die Finsternis im Luftschutzkeller war ein soziales Ereignis. Bis in die Verästelungen der Seele und der Sinne, bis in die individuelle Gefühlswelt und in kollektive Stimmungen breitete sich Dunkelheit aus. In den letzten Tagen, Wochen und Monaten des Zweiten Weltkriegs erlebten die Menschen in den Luftschutzkellern alltägliche Katastrophen. Alle Normalität war außer Kraft gesetzt. Man war in eine andere Welt, in ein Diesseits der Finsternis katapultiert.“ (S. 237)

Es muß jedoch betont werden, daß sich Marcello La Speranza bei seiner Spurensuche in verschütteten oder vergessenen Luftschutzbunkern und Luftschutzräumen sehr wohl der Gefahr bewußt geblieben ist, „der Faszination dieser verfallenden Bauwerke, dem Reiz der noch vorhandenen Betonbunker und der Düsternis und Morbidität von komplexen Netzen aus unterirdischen Gängen und Gewölben in finsteren Stollen“ zu verfallen. Man legt dieses Buch nach Beendigung der Lektüre mit großer Nachdenklichkeit, aber auch mit so manchem Erkenntnisgewinn aus der Hand.

Titelinfo 

Autor: Marcello La Speranza
Erschienen im: Ibera-Verlag (Wien), 1. Auflage 2003
ISBN: 3-85052-169-9
Preis: 25,– € (326 Seiten, Format 14 x 21 cm, gebundene Ausgabe)

Verfügbarkeit 

Dieses Buch ist nicht bei uns erhältlich.

Autor: Ingmar ArnoldStand: 27.06.11 Seitenanfang