Nun ist unser kleiner, aufstrebender Verein also auch noch zu literarischen Ehren gekommen, zu kriminalliterarischen sogar – und zwar erstmals auf Seite 62 des Romans „Berlin Fidschitown“ von Detlef B. Blettenberg. Eine der Hauptfiguren, die Journalistin und angehende Schriftstellerin Heliane Kopter, muß sich dort folgende Message auf ihrem Anrufbeantworter anhören:
„Hallo Helikopter, hier Georgia Brand von deiner geliebten AG Hades. Ich hoffe, es geht gut. Folgendes: Erstens – ab Neujahr firmieren wir nicht mehr als Arbeitsgruppe, sondern als eingetragener Verein. Hades e.V.[(H)Aha, I.A.!] Hört sich gut an, was? Ich erinnere aus diesem Anlaß noch mal an unsere kleine Silvesterfete im Zivilschutzbunker. Einladung hast du. Hoffen, dich zu sehen. Du darfst uns auch weiter mit Fragen nerven. Zweitens – die Begehung in der Dresdener Straße ist endlich genehmigt. Wir ziehen das gleich nach den Feiertagen durch. Tag und Uhrzeit erfährst du noch rechtzeitig.“
Diesem Verein „Hades“, unserem Alter Ego sozusagen, der angeblich bereits im „vierten Jahr nach dem Mauerfall“ gegründet worden ist, bleiben im Verlaufe des Romans bestimmte, zwar lieb gemeinte, aber gleichwohl etwas beißende Seitenhiebe nicht erspart: „Ich habe zwar gute Kontakte zu einer Gruppe, die unterirdische Anlagen genehmigterweise durchforstet“, meint die besagte Heliane Kopter einmal – welche in den ganzen Schlamassel mit hineingezogen wird, da sie aus privaten Gründen die Geschichte der U-Bahnlinie 8 mit ihren zahlreichen Blindtunneln und versteckten Bunkeranlagen erforscht –, „aber sie tun das nicht immer an den Stellen, die mich interessieren. Abgesehen davon dauert das auch immer. Alles muß beantragt werden, und es braucht seine Zeit, bis die Bürokratie ihre Zustimmung erteilt, wenn der Verein was Neues auskundschaften will.“ Heli Kopter selbst zieht sich auch nicht gerade rühmenswert aus der Affäre: „Natürlich wäre sie gerne Mitglied in Georgias Verein geworden, aber sie zog es vor, ihre journalistische Unabhängigkeit und Neutralität zu bewahren.“ Kennen wir das nicht irgendwoher?
Die Geschichte selbst kann, das ist bei Krimis ja so üblich, nicht in aller Ausführlichkeit erzählt werden. Vor allem darf nicht verraten werden, wer der Mörder und wer die Leiche ist – von beiden gibt es hier allerdings reichlich. Nur so viel: Die Story pendelt lange Zeit zwischen dem winterlichen Berlin und dem sommerlich-schwülen Ostasien, insbesondere Bangkok, der thailändischen Hauptstadt oder auch Ho Chi Minh Stadt, dem früheren Saigon in Vietnam, hin und her. Woraus sich ein wesentlicher Reiz dieses Buches ergibt. Beide Metropolen, Berlin und Saigon, werden hier übrigens einem interessanten topographischen Vergleich unterzogen: „Wenn Quinn [ein ehemaliger amerikanischer GI, Leibwächter und Nebenfigur in diesem Roman, I.A.] sich das Motiv etwas genauer ansah, konnte er tatsächlich eine Ähnlichkeit mit Saigon feststellen. Es war alles verzerrt und nicht ganz im Maßstab, aber die Parameter stimmten. […] Die Südvietnamesen haben den Süden Berlins zum Süden von Saigon gemacht. […] In Saigon stehen in dieser Region unter anderem der Thien-Hau-Tempel, die Tam-Son-Hoi-Quan-Pagode und die Cholon-Moschee, hier der Berliner Dom, die Nikolaikirche und die Hedwigs-Kathedrale.“ Auf einen solchen Vergleich, der neugierig macht, muß man erst einmal kommen.
Es geht in diesem Buch um Machtkämpfe zwischen rivalisierenden mafiosen Banden, und irgendwann im Verlaufe der Lektüre verliert der Leser etwas die Übersicht, ob die Gauner nun aus Nord- oder Südvietnam oder doch eher aus dem Umkreis eines thailändischen Klosters kommen, oder warum auch immer sie ausgerechnet im Untergrund von Berlin ihren persönlichen Zugang ins Nirwana suchen, aber dort wohl nicht wirklich finden. Und welche Rolle spielen dabei eigentlich die Chinesen? Kinderprostitution, der deutsche Sextourismus und AIDS sowie gewissermaßen auch Mobbing am Arbeitsplatz werden am Rande ebenfalls thematisiert. Wirklich schuldig machen sich die Deutschen, wie man aus dieser Liste schließen sollte, aber eigentlich nicht, oder nicht so sehr; jedenfalls wirken sie eher, auch und gerade in der deutschen Hauptstadt, als einigermaßen merkwürdige, wenngleich durchaus liebenswerte Zeitgenossen.
Krieg herrscht zwar zwischen den verschiedenen Schmuggler-Banden, ein erbarmungsloser noch dazu, aber ohne die Deutschen. „Sollten die Ameisen sich austoben und ihren Spaß haben. Er hatte nicht vor, sie dabei zu stören. Für ihn und seine Landsleute war es noch nicht so weit.“ Denkt der vietnamesische Captain Nguyen Van Giang in einer eisigkalten Winternacht, irgendwo im Humboldthain versteckt und das Treiben beobachtend. Es ist die letzte Nacht im alten Jahr, und bei den Ameisen handelt es sich natürlich nicht um Insekten, sondern um eine angetrunkene Gruppe von – na? natürlich, wie kann es anders sein – Mitgliedern des Vereins Hades: „Es war nicht mehr als ein Dutzend, das sich bei dieser Kälte [immerhin zum Wummern von Techno-Musik aus der Zivilschutzanlage, I.A.] ins Freie traute. Sie hielten Flaschen und Gläser in Händen und rutschten und stolperten über die Fußgängerbrücke, die über die S-Bahntrasse führte. Ob es alle bis auf die Hügel schafften? Der Alkohol mochte gegen den Frost helfen, aber er nahm einem die Luft.“ Doch sie schaffen den Aufstieg ohne größere Probleme – „ihr Lachen und ihre fröhlichen Gesänge kamen näher und näher – und dann waren sie da, schnaufend und prustend, mit Johlen und Kichern. […] Die Gruppe begrüßte das neue Jahr mit frohen Rufen und gegenseitigen Umarmungen. […] Nie in seinem Leben hatte er [Farang, der positive Held dieses Krimis sozusagen, I.A.] so viele Frauen so schnell hintereinander umarmt und geküsst. Er rang nach Luft. Dann kamen die Männer. Sie drückten ihn und schlugen ihm auf Schulter und Rücken, als hätte er nach zähem Häuserkampf mit ihnen die Stadt erobert.“
Ja, die Silvesterfete im Zivilschutzbunker. War das wirklich so, damals, wann genau eigentlich? So bitterkalt und so trunken? Und noch dazu nach solch einem erfolgreich absolvierten Programm? „19.00 Uhr – Führung „Der Bunker Blochplatz – Verkehrsbauwerk der U-Bahn, Luftschutzbunker im 2. Weltenkrieg, Zivilschutzanlage in den 80er Jahren. 19.30 Uhr – Vorstellung des Vereins „Hades“. 19.40 Uhr – Kurzvortrag ‚Anmerkungen zu einer subterranen Metropole der Zukunft’ von Hilmar Stenzel, Senat für Bauwesen. 20.00 Uhr – Diavortrag „Momentaufnahmen von Bunkern, Tunneln und Stollen der Hauptstadt“ von Georgia Brand und Heliane Kopter. 20.45 Uhr – Diskussion mit Beiträgen von Max Cornelius, Barbara Wutora und Horst Mueller-Troste. Moderation: Georgia Brand. 21.30 Uhr – Umtrunk zur Gründung des Vereins ‘Hades’ mit anschließender Tanzparty zum Jahresausklang. 23.30 Uhr – Spaziergang zur Humboldthöhe im Volkspark Humboldthain. Kleines Feuerwerk mit „Prosit-Neujahr“ auf der obersten Plattform des ehemaligen Hochbunkers.“
War das wirklich so, oder handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um einen verkappten Schlüsselroman, der die geheimen Machenschaften des Berliner Unterwelten e.V. aufdecken soll? Wer ist eigentlich Georgia Brand, oder haben wir etwa was mit der ehemaligen Chefredakteurin der Taz zu schaffen? Wo vermischt sich Mythos und Fiktion mit Wirklichkeit? Fragen über Fragen, die vielleicht auch nach gründlicher Lektüre von „Berlin Fidschitown“ nicht unbedingt eindeutig geklärt werden können.
Trotz alledem bleibt der Berliner Untergrund – und nicht nur die Luftschutzbunker – der eigentliche Hauptdarsteller dieses facettenreichen und spannend geschriebenen Krimis. Zwar wirken die Lektionen, die Heli Kopter ihren Freunden bei den zahlreichen Exkursionen in die Gedärme der deutschen Hauptstadt erteilt, mitunter so gestelzt wie ihr Name und zu sehr doziert.
Aber sie sind überaus sorgfältig den Erklärungen unserer Referenten abgelauscht oder von den Seiten unserer Vereinspublikationen kopiert. Eine Kostprobe gefällig? „’Das ist ein U-Bahnhof aus dem Ersten Weltkrieg, der nie fertig gestellt wurde.’ Der Captain sprach mit gedämpfter Stimme. ‚Die städtische Elektrizitätsgesellschaft hat die Anlage vor nicht allzu langer Zeit noch als Umspannwerk genutzt.’ Er richtete den Strahl seiner Lampe auf ein Kopfende der Halle. ‚Auf dieser Seite endet der Tunnel schon nach wenigen Metern.’ Er zeigte mit dem Lichtkegel in die Gegenrichtung. „Und da vorne wurde im Zweiten Weltkrieg eine Luftschutzbunkeranlage in den Tunnel eingebaut.’ Der Captain verließ die Halle in diese Richtung. Quinn folgte ihm und warf einen erneuten Blick auf die beeindruckenden Säulen, deren polierter Granit glänzte, als käme auch hier unten noch jede Woche eine Putzkolonne vorbei, um alles in Schuß zu halten.“
Autor: Detlef B. Blettenberg
Verlag: Bielefeld, Pendragon Verlag 2003
ISBN: 3-934872-56-5
Preis: 24,80 €
Dieses Buch ist im Buchhandel erhältlich.