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Australien Untergrund abseits von Kängerus, Traumstränden und Outbacks

Jedes noch so kleine Nest in den Weiten des australischen Kontinents hat seine einzigartige Sehenswürdigkeit, sei es das verschlafene 3000-Einwohner-Städtchen Tully mit dem „Größten Gummistiefel“ („Giant Golden Rubberboot“), die Mangohauptstadt Bowen mit seiner 15 Meter hohen gelbroten Frucht oder die „Giant Banana“ von Coffs Harbour. Vieles ist so grotesk oder einfach lustig – eben die Aussies! Die „größte“ Stadt der Welt ist Mount Isa in Queensland.

Die größte Stadt der Welt: Die Mine im Mount Isa

Nach schier endlos scheinender Fahrt auf dem Barkly Highway gen Osten erreichten wir Mt. Isa. Der erste Eindruck: Eingerahmt von einem fast baumlosen Bergmassiv, riesigen Abraumhalden und zahllosen Zechentürmen – eine graue Minenstadt im Outback. Aber was für eine! Nach kurzem Blick in den schlauen Reiseführer von Edgar Hoff1 entschlossen wir uns, einen längeren Stopp einzulegen. Eine Stadt mit der Fläche der Schweiz (41.000 km2!) und „nur“ 25.000 Einwohnern hatte ich bis dato noch nicht gesehen. Die zweitgrößte Kupfermine der Welt, die täglich Führungen anbietet, das weltbekannte Riversleigh Fossil Centre und ein „Underground Hospital and Beth Anderson Museum“ erregten mein Interesse. Nach einem Besuch in der wie überall sehr gut erreichbaren Stadtinformation startete ich mit einer zehnköpfigen Besuchergruppe am nächsten Tag die vierstündige Minentour (38 AUS $ = ca. 25 €).

Nach den einführenden Worten eines knapp 50-jährigen „Miners“ namens Greg mit etwas gewöhnungsbedürftigen Queensland-Akzent (anscheinend der Bunker-Reiner von Mt. Isa!) und einem Blick auf die 3-D-Karte des Untergrunds wurde jedem Besucher klar – diese Stadt hat den „größten Keller“ der Welt (unsere Tour 3-Metapher paßt hier ganz hervorragend!). Der Aussie-Humor macht daraus folgerichtig 41.000 km2 Stadtgebiet.

Die Mine produziert jährlich 180.000 Tonnen Kupfer, nur Chuquicamata in Chile fördert mehr. Seit 1963 wird ebenfalls Zink, Silber und Gold zu Tage gebracht. Ausgestattet mit Gummistiefeln, einem orangenen one-size-fits-all Overall, Helm, Gehörschutz und Kopflampe begaben wir uns in die vierte von sieben Etagen unter Tage. Einer rasanten Abwärtstour folgten zehn Minuten rumpelnder Bahnfahrt in die nassen, lauten und vor allem dunklen Gänge der Mine. Nach ein paar Ecken, durch unheimlich wirkende flache Grubenseen und einige dröhnend passierende Minenfahrzeuge später war die Orientierung auch schon verloren. Die Führung ging vorbei an vorbereiteten Dead-Ends mit in den Fels gedrillten Sprengröhren und in Kabelbäumen endenden Zünddrähten, urzeitlich wirkenden Maschinen aus den Anfängen des industriellen Abbaus in den 30er Jahren und gigantischen Drillrobotern mit Fahrersitz (fast wie in „Alien 2“).

Am Ende der Besichtigung dann der Höhepunkt – jeder Besucher bohrt mit Hilfe eines infernalisch lauten Preßluftbohrers ein Loch in den Fels! Selbst an der Reihe in dunstigstaubiger Luft stellte ich dann aber fest, daß jeder nur in demselben Bohrloch drillen durfte. Spaß hat es aber auf jeden Fall gemacht. Bei Kaffee und Keksen in der Minenkantine der vierten Etage klärten sich abschließend alle verbliebenen Fragen zur Geschichte der Mine, den elektrochemischen Erzgewinnung aus dem Abraum und der 50-jährigen betriebswirtschaftlichen Feinplanung einer so gewaltigen Unternehmung. Und es klärte sich auch auf, warum es morgens und abends um 8 Uhr in CopperCity Mt. Isa donnert. Pünktlich nach Schichtende um jeweils 7 Uhr wird gesprengt!

Underground Hospital

1996, bei Bauarbeiten für das örtliche Krankenhaus, versank ein Bulldozer in einer mysteriösen Spalte im gelben Fels. Kurze Zeit später wurde den Bauleuten und den freiwilligen Mitarbeitern des benachbarten Beth Handerson Museums klar, daß man offenbar einen zugeschütteten Stollen entdeckt hatte. Die Vermutung, es handele sich hierbei um den Eingang zum weit verzweigten Minensystem Mount Isas aus den Anfangstagen der Stadt, konnte nach kurzer Inspektion der Höhle ausgeräumt werden – man hatte einen der Eingänge eines 1942 gegrabenen Untergrund-Krankenhauses wieder entdeckt.

Nachdem die japanischen Streitkräfte im Februar 1942 Darwin bombardierten, herrschte überall in Australien Invasionshysterie. Der Krankenhausleitung und der Minengesellschaft war bewußt, daß ihre Stadt wegen der strategisch wertvollen Vorkommen an Metallen und der Verarbeitungsindustrie leicht das Ziel feindlicher Angriffe werden könnte. So entschied sie sich, mit Hilfe von Manpower und Material der Mine einen Luftschutzraum für das Personal und Patienten zu schaffen. In nur sechs Wochen Arbeit entstand westlich des Krankenhauses ein Stollensystem mit insgesamt drei Eingängen und Notluke.

1997 gründete sich ein „Committee“, das sich der Restauration und Erforschung der Anlage annahm und erneut mit Mitteln der Minengesellschaft zwei der drei Arme des „E“ originalgetreu instandsetzen ließ. Anhand von Fotos und den Aussagen ehemaliger Krankenschwestern erschufen die drei älteren Damen des Vereins mit medizinischem Originalgerät und allerlei Überresten aus den Beständen des Krankenhauses das Jahr 1943 wieder. Mount Isa wurde jedoch nie von den Japanern angegriffen. Das Underground Hospital diente erst nach dem Krieg und vor der Erfindung der Klimaanlage, den Schwestern und Ärzten als kühler und dunkler Nachtruheplatz.

Australiens Pearl Harbor: Japanische Luftangriffe auf Darwin

Darwin war in den 1930ern im Gegensatz zu heute ein verschlafenes Nest von gerade 5.000 Einwohnern (heute bereits 110.000). Der Krieg mit Japan begann für Australien offiziell am 8. Dezember 1941. Schon vorher hatten australische Einheiten bei Operationen in Europa und Nordafrika teilgenommen.

Die militärische Führung der alliierten Verbände Australiens, Großbritanniens, den Niederlanden und der USA im Südwestpazifik übernahm der US-General Douglas McArthur mit Hauptquartier in Melbourne. Um eine effektive, und vor allem luftgestützte Gegenwehr organisieren zu können, war Darwin und seine nähere Umgebung ideal. Der Hafen, schon damals verhältnismäßig groß, verfügte bereits über gut ausgebaute Versorgungssysteme. Im Umland ließ man eine Vielzahl an Camps mit Landepisten bauen. Im Winter 1941 wurden ca. 15.000 Militärs stationiert, etwa 3.000 Zivilisten verließen die Stadt.

19. Februar 1942 – eine Flotte von insgesamt 35 Schiffen liegt in der Darwin Wharf vor Anker. Es gibt insgesamt drei Warnungen, die nicht rechtzeitig die Militärführung erreichen. 188 japanische Flugzeuge greifen an diesem Tag in zwei Wellen das Festland an (übrigens waren die drei „Pearl Harbor“-Flugzeugträger der Kaiserlichen japanischen Marine auch an diesem Angriff beteiligt). Offiziellen Angaben zu Folge werden 243 Menschen getötet (die AboriginalCommunity hat inoffiziell ca. 1.000 Todesopfer zu beklagen!) und acht Schiffe im Hafen zerstört. Ein ungeschütztes Treibstofflager geht in Flammen auf, was der militärischen Führung zusätzlich Sorgen bereitete. Die ausreichende Versorgung der Truppe mit Treibstoff war bereits in den 30er Jahren ein massives Problem.

Offenbar schon ein Jahr vor dem verheerenden Luftangriff im Februar, dem noch 62 weitere folgten, waren Planungen getroffen worden, das Petrol-Problem unter die Erde zu verlegen. Insgesamt acht miteinander verbundene Tunnelsysteme sollten entstehen, sechs davon wurden fertiggestellt.

Tunnel 5 und 6 sind nun der Öffentlichkeit zugänglich. Ersterer kann nach der Durchquerung des Haupttunnels 3 und des Pumpenraums 3 durch eine Tür betreten werden. Er hat eine Tank-Kapazität von 3.847,5 Millionen Liter Treibstoff, die Ausdehnung der Röhre mit einer Länge von 171 Metern, Breite 4,5, Höhe 5 Meter. Tunnel Nr. 6 war hingegen kleiner (78 Meter bei gleicher Seiten- und Höhenmaßen) und faßte nur 1.755 Millionen Liter, ist heute durch eine verrostete Original-Öffnung zu besichtigen. Dieser Raum ist bis zum „Abflußloch“ mit Wasser gefüllt. 12 Meter Erde und Gestein als Abschlußdecke wurde als bombensicher angesehen.

Im Haupttank kann man eine Ausstellung von Fotografien aus den Kriegsjahren bewundern. Den pädagogischen Wert möchte ich jedoch nicht kommentieren. Überall ist der Besucher auch mit nicht einzuschätzenden Pfützen konfrontiert, die im ansonsten gut arrangierten Licht nur rot schimmern. Die Tour ist ohne Guide, man kann aber die netten 4,50 Dollar-Kassierer am Eingang mit Fragen löchern.

Einen sehr guten Überblick über das Thema Zweiter Weltkrieg im Südpazifik liefert das offizielle australische Kriegs-Museum unter www.awm.gov.au (Englisch).

Hinweis 

Dieser Artikel erschien in der vereinsinternen Zeitschrift Schattenwelt im Jahr 2006, Nr. 1, 2 und 3.

Autor: Henry GidomStand: 20.06.10

1Hoff, Edgar P. Australien Handbuch. Rappweiler 2003.