Facebook Twitter RSS Login Sprachen
Schriftgröße
Kontrast

Schnellsuche

Betrifft: Aktion 3 Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn

Betrifft: Aktion 3

Für eine kurze Zeit nur hatte der Historiker Wolfgang Dreßen Gelegenheit, Akten der Oberfinanzdirektion Köln einzusehen, die – anders als in Berlin – bis heute nicht öffentlich zugänglich gemacht wurden. 1999 erschienen seine Recherchen als Buch und wurden Auszüge der eingesehenen Unterlagen zu einer Ausstellung zusammengestellt, die nun in Zusammenarbeit zwischen dem „Der Kreis der Freunde der Habimah. Verein zur Förderung jüdischer Kultur in Berlin e.V.“ und dem „Berliner Unterwelten e.V.“ im Ausstellungspavillon ]Mythos Germania[ gezeigt wird. Zusätzlich ist während der Öffnungszeiten im Medienraum der 2008 aus den Recherchen entstandene, eindringliche Dokumentarfilm „Menschliches Versagen“ des Regisseurs Michael Verhoeven zu sehen.

In Berlin war ab 1937 der Generalbauinspektor (GBI) daran interessiert, jüdische Berliner aus ihrem Eigentum oder ihrem Mietvertrag zu drängen, um die Umsetzung seiner Planung für Berlin zu sichern. Zwei Jahre später verlangte die geänderte Gesetzgebung, jüdische Mieter zu melden, was die Arbeit des GBI stark erleichterte. Tausende Menschen jüdischer Herkunft gaben – aus Deutschland fliehend – seit 1933 ihr Eigentum auf, da für sie ein normales Leben in Berlin durch Dutzende von nicht durch die Gesetzgebung gedeckte Erlasse schwer bis unmöglich wurde. Vorher hatten sie alles Eigentum gegenüber dem Finanzamt von jedem einzelnen Familienmitglied auflisten müssen. Immobilien sollten, soweit der Generalbauinspektor sein Vorkaufsrecht nicht wahrnahm, nach Kriegsende verkauft werden. Das Mobiliar und die Kleidung wurden jedoch umgehend so gewinnbringend wie möglich verkauft oder versteigert.

In sieben Kapiteln wird die Übernahme des Eigentums der jüdischen Nachbarn durch die deutsche Bevölkerung dargestellt: Von der Vermögensaufstellung durch die zu Deportierenden selbst über die Verordnungen und Verfügungen des Reichsministers der Finanzen, der Oberfinanzpräsidenten und Finanzbehörden, den Nachbarn und Kaufliebhabern bis hin zur Wiedergutmachung. Dass ihnen Eigentum genommen worden war, mussten die wenigen zurückkehrenden Juden nach 1945 selbst beweisen, obwohl sie alle Unterlagen an die Gerichtsvollzieher hatten abgeben müssen. Sie trafen dabei meist auf dieselben Beamten, die in den Jahren zuvor die „Verwertung“ betrieben hatten.

Eine Fülle von Dokumenten ermöglicht dem Besucher nach Lektüre der kurzen Kapiteleinleitungen selbst zu recherchieren: Das juristische Seminar der Universität Bonn erwarb Bücher für seine Bibliothek, ein Polizist nach Begutachtung ein Grammophon. Alle 14 Tage fanden in Köln öffentliche Versteigerungen von „nichtarischem Besitz“ statt. Vorher hatten Vertreter des Finanzamts, des Hauseigentümers, ein Taxator oder ein Vertreter des Gebrauchtwarenhandels anhand der Vermögenserklärung in der Wohnung Vollständigkeit und Wert festgestellt.

Wer keinen Besitz jüdischer Nachbarn ersteigerte, nahm ihn ab 1942 innerhalb der „M-Aktion“ als „bombengeschädigter Volksgenosse“ gern „in Kauf“. Viele der ausgebombten deutschen Familien saßen an einem Tisch, der sich ursprünglich im Eigentum jüdischer Deutscher befand, oder aus den eroberten Ländern stammte, wo Juden deportiert wurden. Die Ausstellung „Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn“ und der zugehörige Dokumentarfilm stellen auf erschütternde Weise das Alltagsbild unserer Vorfahren in Frage. Vielleicht eröffnet dadurch gewecktes persönliches Interesse die bisher verschlossenen Akten, wie es hier kurz einmal der Fall war.

Ausstellungszeitraum 

9. Mai bis 31. Juli 2009
Verlängert bis 31. August 2009

Spielzeit 

Dokumentarfilm „Menschliches Versagen“ jeweils
12.00, 14.30 und 17.00 Uhr

Ort 

Ausstellungspavillon Gertrud-Kolmar-Str. 14/ Hannah-Ahrendt-Straße 10117 Berlin-Mitte

Literatur 

Betrifft: "Aktion 3". Deutsche verwerten jüdische Nachbarn
Autor: Wolfgang Dreßen; Betrifft: "Aktion 3". Deutsche verwerten jüdische Nachbarn; Aufbau-Verlag Berlin 1998
ISBN: 978-3351024871

DVD: Menschliches Versagen
Regie: Michael Verhoeven; Arthaus 2008
EAN: 4006680048567