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Anonyma – Eine Frau in Berlin Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945

Das war für mich das erste Buch mit einer unbekannten, weil anonymen Autorin, das ich gelesen habe und welches mir das Lesen etwas stutzig machte. Aber bei der Lektüre dieser Tagebuchaufzeichnungen begreift jeder Leser, warum dies so sein muß, daß sich die Autorin nicht namentlich offenbart. Die unbekannte Schreiberin hat in drei Schulheften handschriftlich das aufgezeichnet, notiert, was sie persönlich gegen Kriegsende erlebt und durchlitten hat. Erwartet hatte ich einen knappen, sachlichen Bericht. Doch bereits die ersten Zeilen lassen mich aufmerksam werden. Hier schreibt eine Frau, die durchaus weiß, wie sie das Erlebte zu verarbeiten hat – aus Gründen ihres Lebenserhaltungswillens.

Ihr Stil ist keineswegs banal, sondern gehoben formuliert, eben von einer gebildeten Persönlichkeit. Und weil das so ist, ist der Leser, bin ich sofort bereit, ganz aufmerksam das in diesem Tagebuch Aufgezeichnete zu lesen. Alles ist spannend und anschaulich erzählt, daß der Leser sich alles genau vorzustellen vermag und das Gefühl bekommt, selbst mit dabei zu sein. Ein authentischer Bericht der besonderen Art, wie er eigentlich nur von einer Frau hat geschrieben werden können. Die unbekannte Verfasserin beschreibt die Tage vom 20. April bis zum 22. Juni 1945, wobei sie sich – trotz aller Härten des immer schlimmer werdenden Kriegs in Berlin – die Zeit nimmt, nicht in Stichworten, sondern fast schon in dichterisch ausgefeilten Sätzen ihre Erfahrungen zu schildern. Bewusst, mitunter auch unbewusst hat sie einen Bericht von bleibendem literarischen Wert geschaffen. Das hat ihr wiederum wohl dabei geholfen, all das Schlimme, was sie durchmachen musste, seelisch und auch körperlich zu verarbeiten und zu überstehen, nicht an dem Geschehenen zugrunde zu gehen.

Zu Beginn ihres Tagebuchs hat Anonyma sich noch die Zeit zum ausführlichen Beschreiben ihrer Lebenswelten genommen, manchmal auch erst aus der Rückschau betrachtet, wenn sich die Ereignisse in ihrem Leben zu überschlagen beginnen. Die letzten Tage des Krieges sind in einem Abschnitt kurz zusammengefasst worden. Die unerkannt bleiben wollende Autorin schildert das Kriegsende aus ihrer Sicht und aus der Perspektive ihrer Hausgemeinschaft, die aus der Not heraus entstanden ist. Um sich und dieser Gruppe beim Überleben zu helfen, gibt sie sich nach der endgültigen Einnahme der Stadt durch die Rote Armee immer wieder einigen sowjetischen Soldaten hin, auch um auf diese Weise unentbehrliche Lebensmittel zu bekommen und vor anderen marodierenden, plündernden und vergewaltigenden Soldaten geschützt zu sein. Die Beziehung zu einem russischen Major entwickelt sich fast schon zu einer liebesähnlichen.

Am Schluß des Buches erzählt die Autorin von ihrem Arbeitseinsatz beim Abbau von Fabrikanlagen und Maschinenteilen, die als Kompensation für die erlittenen Kriegsschäden in die Sowjetunion gebracht wurden. Auch ist sie als Waschfrau für einige sowjetische Soldaten tätig. Nach Abzug der sowjetischen Soldaten aus ihrem Berliner Stadtbezirk versucht sie wieder Fuß zu fassen in ihrem alten Beruf als Fotografin und Journalistin.

Titelinfo 

Autor: Anonyma
Verlag: Frankfurt/ Main, Eichborn-Verlag 2004 (13. Auflage)
ISBN: 3-82184737–9
Preis: Hardcover: 19,90 €
Preis: Taschenbuch: 9,00 €

Verfügbarkeit 

Dieses Buch ist bei uns nicht erhältlich.

Autor: Annelies ArnoldStand: 27.06.11 Seitenanfang