Um dieses Buch machte ich lange Zeit einen großen Bogen, weiß heute zwar nicht mehr so recht, wieso eigentlich, ließ es aber gleichwohl nie gänzlich aus den Augen. Natürlich war mir der Autor, Walter Moers, durchaus ein Begriff – vor allem wegen des „Kleinen Arschlochs“, aber natürlich auch wegen des unvermeidlichen, omnipräsenten Käpt’n Blaubär.
Eine Figur, von der sich Moers übrigens mittlerweile distanziert und die Rechte dafür an das Fernsehen verkauft hat. Das Resultat ist jeden Sonntag um 11.30 Uhr in der „Sendung mit der Maus“ zu begutachten. Ein knuddliger, etwas schräger Opa-Bär erzählt dort seinen neugierigen Bärenenkeln die erstaunlichsten Fabelgeschichten aus seinem wildbewegten Leben als Kapitän zur See. Doch so harmlos, wie er tut, sollte der Blaubär im Sinne von Moers eigentlich nie sein.
Als nun vor geraumer Zeit die Taschenbuchausgabe von „Rumo“ erschien, war es trotzdem sofort um mich geschehen. Ich erwarb umgehend dieses etwa 700 Seiten dicke Buch, auch ohne Blaubär, oder vielleicht gerade deshalb. Nur um schließlich zu entdecken, daß ich dabei unwissentlich auf eine abgründige Welt gestoßen bin, innerhalb bzw. genau genommen unterhalb des Landes Zamonien. So daß dieses Buch hier vorzustellen durchaus seine Berechtigung hat.
Es ist die Geschichte von Rumo dem Wolpertinger. Zur Erinnerung: Wolpertinger, und damit sind nun nicht die blassen Imitationen aus der bayerischen Sagenwelt gemeint, sind Abkömmlinge von Wölfen und Rehen (ausgerechnet!), verfügen über hundsartige Köpfe mit kleinen Hörnern im Vorderschädel und haben die instinktive Angewohnheit, ihre neugeborenen Kinder unmittelbar nach deren Geburt auszusetzen und sie so ihrem weiteren Schicksal zu überlassen. Entweder entwickeln die Sprößlinge sich dann zu „wilden Wolpertingern“, äußerst nützlich im Gebrauch als Wachhunde, oder aber sie entpuppen sich als „zivilisiert“, lernen den aufrechten Gang sowie sprechen und machen sich dann früher oder später auf die Suche nach einem gewissen „Silbernen Faden“ – wie sich herausstellen wird, nach ihren Artgenossen, genauer noch: nach ganz speziellen Exemplaren von Wolpertingern. Und weil Wolpertinger nun einmal so manche genetische Eigenschaften von Wölfen und Rehen mit sich herumtragen, sind sie zugleich stark und wild als auch scheu und flink, jedenfalls aber unwahrscheinlich gefährlich. In einem bestimmten Sinne jedenfalls.
Rumo gehört eindeutig zur zweiten Art von Wolpertingern, und sein Leben wird hier opulent vor dem Leser ausgebreitet, zunächst im ersten Abschnitt in der Obenwelt, dann, im zweiten Buch, in der Untenwelt. Das machte mich nun wiederum neugierig. Wie kann ein solches Musterbeispiel für eine „Oben-Unten-Dialektik“ den geneigten und geschätzten Lesern und Leserinnen der „Schattenwelt“ vorenthalten bleiben?
Die Geschichte von Rumo beginnt eigentlich erst so richtig auf der „Wandernden Teufelsinsel“. Dort trifft er auf seinen Lehrmeister, Volzolan Smeik, eine dicke, schleimige, mehrgliedrige Haifischmade, die es versteht, auf dem Lande mit Lungen und unter Wasser mit Kiemen zu atmen.
Dieser Smeik vermittelt Rumo die notwendigsten Grundlagen für einen eigenständigen weiteren Lebensweg, bringt er ihm doch das Sprechen bei und findet einen angemessenen Namen für dieses Waisenjunge: Rumo eben, so wie das in ganz Zamonien überaus beliebte Kartenspiel. Außerdem erzählt er dem kleinen Wolpertinger, der in einem rasanten Tempo heranwächst, eine wunderliche Geschichte nach der anderen über die Wunder und Merkwürdigkeiten Zamoniens. Diese Lehrstunden werden allerdings nur bedingt aus uneigennützigen Gründen erteilt, sondern sind Bestandteil eines ausgeklügelten Fluchtplans der Haifischmade, befinden sich Lehrmeister und Schüler doch in der Gefangenschaft der fürchterlichen, tumben, einäugigen Zyklopen, in ihrer Speisekammer, einem ausgedehnten Höhlensystem innerhalb der „Wandernden Teufelinsel“, deren Anblick, so bald sie irgendwo auftaucht, an der Küste Zamoniens regelmäßig für Angst und Schrecken sorgt. Weil die Zyklopen nämlich bald auf die Jagd gehen werden nach allem, was da kreucht und fleucht.
Hier greift Walter Moers natürlich auf den antiken Mythos aus dem Neunten Kapitel der „Odyssee“ von Homer zurück, verdeutlicht dabei aber auch, gleich am Anfang des Buches schon, daß es sich bei „Rumo“ keinesfalls um ein reines Märchenbuch für Kinder handelt. Eine Kostprobe davon gefällig? „Den Einäugigen schmeckte es nur, wenn das, was sie fraßen, sich dabei noch bewegte. […] Sie hatten raffinierte Techniken entwickelt, ihre Opfer so aufzufressen, daß diese dabei möglichst lange am Leben bleiben. Sie verschonten die lebenswichtigsten Organe […] bis zum Schluß, aber die fraßen sie schließlich auch. […] Besonders wichtig war es für die Zyklopen, die Organe und Innereien, die zur Hervorbringung von Lauten wichtig sind, so lange wie möglich intakt zu halten. Zunge, Kehlkopf, Lungenflügel und Stimmbänder galten als Leckerbissen, die man sich für die Krönung des Mahls aufhob. Ein Schrei, ein Stöhnen oder ein Wimmern war wie eine Prise Salz, wie ein Hauch von Knoblauch oder das Aroma eines Lorbeerblatts. Bei den Zyklopen aß nicht nur das Auge mit, sondern auch das Ohr.“
Keine Angst, das war noch relativ poetisch, im Buch kommt es noch ekliger. Aber vielleicht dienen solche Passagen auch einfach nur einem besseren Verständnis für das Tun von Odysseus während seines Aufenthaltes auf der Insel des Polyphemos, Sohn des Poseidon („Ich bin Niemand!“ – „Niemand hat mir mein Auge ausgestoßen!“). Diese ungemütliche Situation müssen die Haifischmade und der Wolpertinger tagtäglich durchleben und dabei um ihr Überleben kämpfen. Auch durch das Erzählen von Geschichten, und sei es nur, um sich gegenseitig zu trösten. Sie schaffen es auch, besiegen die scheußlichen Zyklopen und entkommen schließlich nach reichlichen Wirren von dieser Insel der Ungeheuerlichkeiten.
Eine Oben-Unten-Dialektik gibt es tatsächlich in diesem Buch, durchgängig durch beide Teile sogar, man muß ihrer nur gewahr zu werden wissen. Stimmt es, so fragen sich beispielsweise manche neugierige Einwohner von Untenwelt, daß man in Obenwelt verglühte, wenn man sich längere Zeit dem Sonnenlicht aussetzte? Daß einem die Luft dort langsam vergiftete? Die zahlreichen Stämme, Völkerscharen und Rassen von Obenwelt wiederum munkeln in ihren Sagen und Legenden von „einer Welt unter der Welt, voller Bosheit und gefährlichen Kreaturen“. (Erstmals erwähnt wird die Untenwelt im Buch übrigens bereits auf S. 77). Einem Ort voll mit ewigem Tod und ewigem Sterben, wo man Wein nur mit Blut verdickt trinkt. Kein Wunder also, daß sich in Obenwelt, wenn überhaupt, dann vor allem eher zwielichtige Gestalten von diesem Reiche magisch angezogen fühlen. Entsprechend gestalten sich denn auch die gegenseitigen Beziehungen zwischen den beiden so unterschiedlichen Welten.
In der Zwischenzeit nimmt Rumo, kaum den gierigen Gedärmen der Zyklopen entronnen, die Spur des „Silbernen Fadens“ wieder auf, trifft dabei auf seine Artgenossen in der Stadt Wolperting an der Wolper und auch auf die Liebe seines Lebens – die wunderhübsche Wolpertingerin Rala. Aber nur, um früher oder später dann doch vom Regen wieder zurück in die Traufe, bzw. von der Ober- in die Unterwelt zu geraten. Auf welchen verschlungenen Wegen Rumo und seine Freunde dorthin geraten, soll hier nicht verraten werden. Dort unten werden sie jedenfalls mit einem weiteren Mythos aus der Antike konfrontiert: größenwahnsinnige Imperatoren und deren bombastische Gladiatorenspiele, die in aller Ausführlichkeit über weite Strecken des zweiten Teils geschildert werden. Also auch nicht unbedingt der geeignete Stoff als Gute-Nacht-Geschichte für die lieben Kleinen.
Natürlich begegnet dem Leser auch hier zahlreiche skurrilen Gestalten und Spezies. Die Kanalisation von Hel beispielsweise, der Hauptstadt dieser subterranen Welt (aber auch in ihr walten die scheinbar zeitlosen Gesetzmäßigkeiten der Oben-Unten-Dialektik), entpuppt sich als das artenreichste Biotop ganz Zamoniens, auch des oberirdischen. So wimmelt es dort nur von Leuchtameisen, Hexenhutpilzen, Tropfzecken, Leuchtquallen, Saugspinnen, fetten Saugschnecken und ähnlichen appetitanregenden Viechern mehr. Erwähnt seien am Rande nur die Vrahoks, blind-taube, allesfressende Monstren, oder die Homunkel, seltsame Mischwesen, hervorgegangen aus einer ominösen Muttersuppe. Aber es gibt noch viele andere seltsame Geschöpfe in der Untenwelt, die in so schrägen Lokalitäten hausen wie der Dunkelquelle, den Kalten Kavernen, dem Ölsee, dem Schreckloch oder dem Totenforst.
Wie pragmatisch Moers seine Helden dennoch durch diese wahrlich mehr als bizarre Geschichte stolpern läßt, zeigt sich an der eher beiläufig geäußerten Frage: „Wie kommt so tief unter der Erde Licht her?“ Rumo meint daraufhin ganz schlicht und unschuldig: „Sehen wir doch einfach mal nach!“ In der Tat ist diese Unterwelt, die aus mehreren Höhlen, Grotten, Kavernen und Seen besteht, in ein eigentümlich bläulich schimmerndes Licht gehüllt, das die Einwohner ihre helle Hautfarbe zu verdanken haben. Ob das Licht nun durch phosphorisierende Schwämme oder durch Pilze erzeugt wird, ist für den Verlauf der Handlung vielleicht weniger wichtig. Aber das Problem wurde vom Autoren erkannt, denn normalerweise herrscht in der Unterwelt ja– das demonstrieren wir doch in der Dunklen Passage unter dem Blochplatz allsonnabendlich – absolute Dunkelheit.
Das, was sich auf den ungefähr 290 Seiten, die von dieser Untenwelt handeln, so alles abspielt, in wenigen Worten zusammenfassen zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit und würde dem Leser seines Vergnügens berauben. Erwähnt seien aber der Einsatz des „Unterblutboots“ mit den Unvorhandenen Winzlingen auf einer überlebenswichtigen Mission für eine besonders bedeutsame Romanfigur. Oder die Subkutane Todesschwadron, eine furchtbare, weil viel zu wirksame Geheimwaffe der subterranen Alchimisten, oder die so ganz und gar nicht unschuldige Kupferne Jungfrau. Das sind nur einige Beispiele für die schier unerschöpfliche Phantasie des Autors. Natürlich geht die Geschichte vom Wolpertinger Rumo letztlich gut aus. Soviel darf verraten werden. Die geläuterten, erschöpften Helden steigen aus der Untenwelt wieder an die Obenwelt, ans Tageslicht. Mit einer bemerkenswerten Botschaft im Gepäck: „Der Marsch der Wolpertinger durch Untenwelt schweißte sie enger zusammen als alle Ereignisse zuvor. Jeder war für jeden verantwortlich, jeder Schritt konnte tödlich oder verhängnisvoll für alle sein, überall lauerten Gefahren – und nie hatten sie intensiver aufeinander geachtet.“
Wie sagen doch die Unvorhandenen Winzlinge in ihrem Unterblutboot: „Und die Moral von der Geschicht’? Alles ugo, oder nicht?“ Walter Moers hat mit „Rumo“ ein tragikomisches Fantasy-Märchen für Erwachsene geschaffen, das nicht nur jede Menge Lesespaß bereitet, denn man fragt sich immer, was wohl auf der nächsten Seite passieren wird. Jedenfalls sei der potentielle Leser auf eine Menge unerwarteter Wendungen gefasst. Sondern auch noch lange im Gedächtnis haften bleibt, wegen seiner unerwarteten Einblicke in ungeahnte Untergründe.
Zum guten Abschluß noch ein Rätsel von Smeik, der Haifischmade, für Rumo, den Wolpertinger: Was dringt durch die Wand und ist dennoch kein Nagel? Gut zu wissen für den Unterweltler ist das sicherlich allemal. (Auflösung im Buch auf Seite 102).
Autor: Moers, Walter
Verlag: München, Zürich, Piper-Verlag 2004
ISBN: 3-492-24177-8
Preis: 12,90 €
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